21. September 2017

Telefonate nach Tunesien. Ein Freund, 38-jährig, Doktorand, bittet mich inständig um Hilfe. Er ist mittellos und muss seiner Exfrau Alimente bezahlen. Ein anderer Freund, bereits im Pensionsalter, weint am Telefon, als ich ihn frage, wie es ihm gehe. Er weiss nicht, wie er die Studienkosten für seinen jüngsten Sohn aufbringen soll.

15. September 2017

“In Zuwara läuft nichts mehr”, sagt der Kapitän eines Schleppersboots, der während mehrerer Jahre für einen Schlepperboss in der westlibyschen Stadt gearbeitet hat. Nun ist er in sein Dorf im tunesischen Hinterland zurückgekehrt und plant die nächste “Etappe” seines Berufslebens (Quelle: Bericht eines Augenzeugen aus dem Dorf C. in der Nähe von Sfax).

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13. September 2017

In einer Moschee in einer französischen Provinzstadt findet ein Bittgebet statt. Es geht um die Zerstörungen durch den Hurrikan, der vor einigen Tagen die Grossstadt Houston verwüstet hat. Dabei wird Gott nicht angerufen, um die Naturgewalten abzuschwächen; im Gegenteil: Allah solle die Amerikaner nur weiterhin tüchtig bestrafen und ihnen Tod und Verwüstung schicken (Quelle: mündlicher Bericht eines Augenzeugen).

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12. September 2017

Laut der tunesischen Zeitung Kapitalis sollen im Juli und August rund 3000 tunesische Migranten an der Küste Siziliens angekommen sein – eine enorme Zunahme im Vergleich zum Vorjahr.

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8. September 2017

Diese Villa soll angeblich dem wichtigsten Schlepperboss in Zuwara gehören:

© Beat Stauffer/I.H., Tunesien)

1. August 2017

Les hommes d’affaires en Tunisie ont dû verser des sommes importantes à des membres de la famille du président Ben Ali avant 2011. Sinon, ils auraient risquaient des ennuis. Et aujourd’hui? Aziz Miled, grand homme d’affaires mort il y a quelques mois, aurait fait une confidence à un de ses meilleurs amis. Voici le contenu, transmis par un témoin absolument crédible: „J’ai dû payer plus à Ennahda qu’à la famille de Ben Ali pendant les 23 ans de son règne.“

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25. Juli 2017

Hammamet, Tunesien. Das Land wird von einer Hitzewelle heimgesucht. In den modernen Gebäuden lässt es sich ohne Klimaanlage kaum leben. Diese machen meist viel Lärm und heizen die wenigen schattigen Innenhöfe zusätzlich auf.

Wer es sich leisten kann, verbringt in diesen Wochen Ferien am Meer. Zum Beispiel in Hammamet, einem der wichtigsten Touristenorte des Landes. Der Unterschied zwischen den populären, oft ziemlich verdreckten öffentlichen Strandabschnitten und denjenigen vor den grossen Hotels ist enorm. Und nicht nur das: Dort herrscht auch eine erstaunliche Freiheit, was Alkoholkonsum, Bademode und geschlechtsspezifische Verhaltensnormen betrifft. Hier wird schon am Nachmittag unter den Sonnenschirmen Bier, Rosé oder Champagner getrunken, auch von Frauen, die Stimmung ist ausgelassen. Die tunesische Oberschicht und wohl auch zahlreiche Tunesier mit Wohnsitz in Europa lassen es sich gut gehen. Rigide islamische Normen scheinen hier nicht zu gelten. Man freut sich, dass es die Islamisten nicht fertiggebracht haben, diese Inseln mittelmeerischer Lebensfreude auszutrocknen – und befürchtet gleichzeitig, dass diese Freiheiten einer „jeunesse dorée“ vorbehalten sind.

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11. Juli 2017

Was für eine unglaubliche Naivität! Ein mutmasslicher Salafist “betreut” einen gefährdeten Jugendlichen, der einen Anschlag geplant hat. Eine seltsame Form der De-Radikalisierung, über die das Politmagazin „Report Mainz“ (ARD) berichtet (10.7.2017).

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7. Juli 2017

Chiasso, Schweizer Grenze. Ein dunkelhäutiger Grenzwächter mit der Statur eines Bodybuilders veranlasst einen jungen Migranten, den Regionalzug Monza – Bellinzona zu verlassen. Es ist der einzige Migrant, der zu diesem Zeitpunkt versucht hat, in die Schweiz einzureisen. In der nördlichen Lombardei sind aber auf allen Bahnhöfen Gruppen von Migranten zu sehen.

9. Juni 2017
“Die Auswanderung der afrikanischen Jugend löst die Probleme ihrer Herkunftsländer nicht. Dafür schafft sie Probleme in den Ankunftsländern. Westeuropa, überbeschäftigt mit der Integration von nicht selektionierten Migranten und Kriegsvertriebenen, befindet sich auf dem Weg zur politischen Lähmung. Dies in einer Zeit, da der Kontinent eine Führungsrolle in liberaler Demokratie, Menschenrechten und Klimawandel spielen müsste.” (Gastkommentar von Toni Stadler, NZZ, 8.6.2017)

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8. Juni 2017

Telefongespräch mit einem Freund in Marokko. Er ist empört darüber, dass Lalla Salma, die Frau des Königs, auf einer griechischen Insel eine Luxusvilla für mehr als 3 Millionen Euros gekauft hat. Warum, so fragt er, hat sie sich nicht eine Villa an der schönen Küste bei al-Hoceima bauen lassen und auf solche Weise zumindest Arbeitsplätze geschaffen? Im Norden Marokkos sind hunderttausende junger Menschen ohne Arbeit.

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29. März 2017

„Erdogan, der von seinen Anhängern nicht ganz zu Unrecht dafür gepriesen wird, in der Vergangenheit den Wohlstand vieler Türken vergrößert zu haben, ließ seine Maske inzwischen ganz fallen: Er will für lange Zeit an der Spitze eines autoritären Regimes stehen. Wer aber die Abschaffung der türkischen Demokratie befürwortet, gar bejubelt, kann auch kein überzeugter Anhänger der deutschen Demokratie sein.“ (Erdogans glühende Anhänger, Kommentar in der FAZ, 29.3.2017)

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28. März 2017

Leider kann Hamed Abdel-Samad in Deutschland nur noch unter dem Schutz von vier Leibwächtern auftreten. Das ist unerträglich. Dabei wäre es sehr wichtig, seine mitunter harten Thesen zu diskutieren. Wie problematisch diese Thesen tatsächlich sind, kann nur eine offene Debatte zeigen. Doch genau dies verhindern Islam-Apologeten und konservative/islamistische Kreise, die eine solche Diskussion schon im Keim ersticken wollen. Zu ihnen gehört einer der führenden Vertreter eines muslimischen Dachverbandes in der Schweiz, der mir vor einiger Zeit auf die Frage nach seiner Haltung zum Apostasie-Verbot die folgende Antwort gab: Da im Prinzip alle Menschen von Geburt an “Muslime” seien, könne es entsprechend auch keinen “Abfall”, keine Abwendung vom Islam geben. In Tat und Wahrheit werden aber in den meisten islamischen Ländern Menschen hart sanktioniert, manchmal sogar umgebracht, wenn sie sich vom Islam “abwenden”.

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17. März 2017

„Warum darf man in Deutschland alles hassen, Amerika, den Kapitalismus, das Christentum, die Eltern, die Rentner, die Politiker, die Veganer, die Demokratie, den Westen, die Aufklärung – nur den Islam nicht?“ Dieses Verbot deutet an, welches Pulverfass Politik und Medien insgeheim in der muslimischen Religion sehen.“ (Aus: Samuel Schirmbeck: Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, S. 224)

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14. März 2017

„Welchen Sinn hat aber eine Debatte über Integrationspolitik, wenn die Regierung im Mutterland Türkei die Migranten in Westeuropa nur noch als Erfüllungsgehilfen ihrer Politik betrachtet?“

und etwas weiter:

„Es hat somit keinen Sinn über Integrationsprobleme von Türken zu diskutieren, wenigstens nicht mit dieser türkischen Regierung. Deren Ziel ist schließlich die Desintegration. Das schließt gerade nicht aus, die Integrationsprobleme der Menschen zu thematisieren, die hier leben. Dabei ist deren Sichtweise auf die türkische Innenpolitik nicht entscheidend.“

(FAZ, 14.3.17)

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13. März 2017

Ein Informant berichtet Folgendes: Der Imam der grossen Moschee von Mekka (also nicht irgendeine Hinterhofmoschee) ruft die Gläubigen in der Predigt vom Freitag, 10. März zum Jihad gegten den Westen auf. Dabei sagt er sinngemäss, die Gläubigen sollten die Waffen und Erfindungen des Westens benutzen, um gegen die „Ungläubigen“ vorzugehen. Es sei vollkommen klar gewesen, dass der Imam damit nicht irgendeine „innere“ Anstrengung gemeint habe, sagt der des Hocharabischen kundige Beobachter.

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20. Februar 2017

“Ungeschminkt gab Merkel zu, dass man die Diskussion nicht geführt habe, was das Prinzip der Personenfreizügigkeit in letzter Konsequenz bedeute, wenn an den Aussengrenzen hoher Einwanderungsdruck herrsche.” (Trumps Team gibt sich versöhnlich, NZZ, 20.2.2017). Eine späte Einsicht, aber immerhin…

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19. Februar 2017

An diesem Wochenende erfahren: In Bosnien bezahlen unbekannte Geldgeber jeder Frau, die ein Kopftuch trägt, 300 Euro. Und in Besançon, Dijon und Mulhouse verteilen reiche Saudis an Gläubige einer Moschee je mehrere hundert Euro, welche diese anschliessend für den Neubau einer Moschee spenden. So fällt es nicht auf…

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3. Februar 2017

“Die Parallelen zum Fall Amri bleiben gleichwohl furchteinflößend. Der Tunesier, obwohl in seiner Heimat als Mittäter eines Anschlages gesucht, konnte zunächst unbehelligt als Asylsuchender im Sommer 2015, im Zuge der großen Einreisewelle, nach Deutschland gelangen. In den nächsten Monaten pendelte er offenbar zwischen beiden Ländern munter hin und her. Festgenommen wurde er, weil er eine Geldstrafe wegen Körperverletzung nicht gezahlt hatte. Dann bat Tunis die deutschen Behörden, den Mann festzusetzen. Die Ersatzfreiheits-strafe ging in „vorläufige Auslieferungshaft“ über – dann konnte der Sechsunddreißigjährige trotz des schweren Verdachts nach insgesamt 83 Tagen hinter Gittern wieder gehen. Sein Heimatland hatte, wie bei Amri, die versprochenen Papiere nicht geliefert.“ (FAZ, 2.2.2017, Kommentar zur Verhaftung von Haikel S.)

Zur Erinnerung: Tunesische Experten – etwa Professor A. Allani – hatten bereits im September 2015 davor gewarnt, es gebe starke Hinweise darauf, dass IS-Sympathisanten im Flüchtlingsstrom “mitziehen” würden.

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2. Februar 2017

Ein tunesischer Salafist, der unter Verdacht steht, in Deutschland Anschläge geplant zu haben und auch am Attentat auf das Bardo-Museum in Tunis beteiligt gewesen zu sein, kann aufgrund Problemen in der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern nicht nach Tunesien ausgeschafft werden. Der „Gefährder“ wird anschliessend monatelang rund um die Uhr von insgesamt 150 Polizisten überwacht.

Es ist offensichtlich, dass der Staat bei der Überwachung von derartigen „Gefährdern“ überfordert ist. Kaum nachvollziehbar, dass die Sicherungshaft für eine solche Person nicht verlängert werden kann.

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1. Februar 2017

Der Anschlag eines jungen, offenbar rechts-national gesinnten Täters auf eine Moschee in Quebec mit fünf Toten ist erschütternd. Dieses Attentat auf betende Menschen ist in aller Form zu verurteilen. Müssen wir jetzt damit rechnen, dass Rechtsextreme auf solche Weise auf die Anschläge von Jihadisten in Europa reagieren? Könnte sich eine derartige Gewaltspirale in Gang setzen? Gilles Kepel hat genau dies als denkbares “worst case”-Szenario in seinen Büchern erwähnt.

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26. Januar 2017

Tunis, Rue de Marseille. In dieser Strasse in der Vergnügungsmeile ist abends viel los wie eh und je. Die Lokale sind gerammelt voll, es ist laut, und die Rauchschwaden sind so dicht, dass es ein lungensensibler Europäer kaum länger als eine halbe Stunde aushält.

In der Rue de Marseille sind viele Uniformierte und mit Sichertheit auch viele Zivilpolizisten unterwegs. Als Tourist ist das angenehm, weil man sich in Sicherheit wähnt. Doch von der revolutionären Stimmung ist in Tunesien kaum mehr etwas zu spüren; nicht nur in der Rue de Marseille.

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14. Januar 2017

“In keinem anderen Jahr habe ich so viele Nächte vor dem Rechner verbracht, um mich nach Anschlägen durch Dschihadistenforen zu wühlen, auf der Suche nach Hinweisen und Bekennerschreiben. In keinem anderen Jahr habe ich so oft gedacht: Sie sind schneller als wir, raffinierter. Und in keinem anderen Jahr war ich so oft wütend. (…) Wieso sind wir nicht besser? Ich war wütend, als im März 2016 dasselbe Netzwerk, das im November 2015 schon Paris so fürchterlich versehrt hatte, in Brüssel zuschlug, mit Selbstmordattentätern im Flughafen und in der U-Bahn. Wie konnte das passieren? Und ich war wütend, als immer klarer wurde: Der IS hat tatsächlich Kämpfer, als syrische Flüchtlinge getarnt, nach Europa entsandt.” (Investigativ-Reporter Yassin Musharbash in “Die Zeit”, 14.1.2017).

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12. Januar 2017

Der salafistische Prediger Abou Naim bedroht die „Apostaten“, welche sich für ein Verbot des Niqab einsetzen. Er hat eine Petition lanciert gegen diesen Entscheid der „Atheisten“. Damit ist indirekt der König gemeint. Wie er wohl reagieren wird?
(Quelle: Le Desk)


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10. Januar 2017

95-99% der jungen Flüchtlinge und Migranten besitzen heute ein Handy. Migrationsbehörden sollten die darauf gespeicherten Daten untersuchen können, wenn es um die Identifikation von Personen mit unklarer Identität geht, fordert der Migrationsexperte Asthi Amir. Offenbar verhindern Datenschutzbestimmungen in den meisten Fällen eine solche Analyse. Wäre es nicht an der Zeit, in diesem Bereich gewisse Anpassungen vorzunehmen?

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31. August 2016

Freitag, 26. August 2016, neun Uhr abends. Vor dem Bahnhof von Como liegt ein kleiner Park, links und rechts der breiten Treppe, die in die Innenstadt hinunter führt. Dieser Park ist in den letzten zwei Monaten zu einem Flüchtlingscamp geworden. Unter den Bäumen und auf dem Rasen stehen Dutzende von Zelten, improvisierten Liegematten, stapeln sich Rucksäcke, Taschen und Ballen von Habseligkeiten der Flüchtlinge.

Gegen acht Uhr abends kommt es nur wenige hundert Meter vom Camp  entfernt zu einer Demonstration gegen die Flüchtlinge. Ein paar dutzend Männer schwenken Fahnen und skandieren flüchtlingsfeindliche Parolen. Dutzende von Polizisten bringen sich vor dem vor dem Park in Stellung, um allfällige Zusammenstösse mit den Demonstranten zu verhindern.

Ich betrete den Park. Dort findet gegen 21 Uhr eine Art Vollversammlung der Flüchtlingsaktivisten statt. Es wird heftig diskutiert; meist auf Italienisch, gelegentlich auf Englisch. Ich beschliesse, für eine Reportage für Radio SRF 2 Aufnahmen zu machen. Kaum habe ich das Gerät gestartet, stellt mich einer der Aktivisten zur Rede. Ich gebe mich als Journalist zu erkennen, erkläre, dass ich für Radio SRF arbeite und interessiert bin zu erfahren, was hier geschieht. „Sofort die Aufnahmen löschen!“ herrscht mich einer der Aktivisten an. Ein anderer ruft in die Menge, ein ausländischer Journalist habe sich eingeschlichen. Plötzlich bin ich von etwa einem Dutzend Personen umgeben. Die Stimmung wird bedrohlich. Mein Argument, es handle sich um hier doch um einen öffentlichen Raum und ich wolle über die Lage der Flüchtlinge berichten, findet kein Gehör. „Hast du verstanden? Sofort löschen!“ herrscht mich einer der Aktivisten an. „Hau ab!“ schreit ein anderer. Die Situation wird bedrohlich. – Ich gebe nach, lösche die Aufnahmen und verlasse den Platz. Eine ähnliche Erfahrung habe ich nur einziges Mal gemacht; im Herbst 2009 in Nouadhibou. Die Stadt liegt in Mauretanien. Es ging um Flüchtlinge, die auf die Kanarischen Inseln reisen wollten. –

Sind diese Aktivisten leicht paranoid? Lagen ihre Nerven blank wegen der Demo einer rechtsextremen Gruppierung? Oder haben sie darüber diskutiert, wie Flüchtlinge in die Schweiz eingeschleust werden können? Nach der Verhaftung der Tessiner Grossrätin Bosia Mirra scheint dies zumindest denkbar.

27. August 2016

10. August 2016

Douglas Murray wirft vielen europäischen Politikern vor, die Verbindung des radikalislamischen Terrorismus zum Islam und zur Flüchtlingskrise beharrlich zu ignorieren. “The extreme interpretation may be a minority problem, but when a continent is struggling to assimilate the Muslims already here, there is a huge risk in bringing in so many immigrants from war-torn parts of the world where jihadism is already rampant. Some of this summer’s attackers were born here; others were recent arrivals. (…) The tragedy is that those in charge still refuse to face up to this problem or even find a decent political language for what is fast becoming an indecent political problem. Just this week, Jean-Claude Juncker said that however bad the terrorism gets, Europe will never give up on open borders. UN representative Peter Sutherland repeated his view that anybody who wants to live in Europe — even economic migrants — must be allowed to come here. Not to give our home over to the world would, he declared, be an affront to European values.” (The Spectator vom 28.07.2016)

5. August 2016

Am Bahnhof von Como halten sich mehrere hundert Flüchtlinge auf. Sie haben sich vor dem starken Regen unter das langgezogene Vordach des Bahnhofs, zu Teil auch ins Innere geflüchtet und sich dort mit Sack und Pack niedergelassen. Mehrheitlich junge Männer, viele jugendliche, aber auch zahlreiche Familien mit Kindern. Es scheinen fast alles Menschen aus Somalia und Eritrea zu sein. Die kleine Bahnhofshalle wird frei gehalten. Viele Flüchtlinge lagern auch auf dem Perron 1. Die Aufnahmezentren in Como seien alle überfüllt, erklärt ein Polizist schulterzuckend. Die Lage für die weit über hundert Migranten und Flüchtlinge wirkt prekär. Ist es den italiensichen Behörden nicht einmal möglich, den Menschen eine Zivilschutzanlage oder etwas Vergleichbares zur Verfügung zu stellen?

Der Schnellzug von Milano naht. Ein paar dutzend junge Männer und eine kleine Familie begeben sich ebenfalls auf das Perron 3. Fast alle steigen in der ersten Klasse ein. Auf der kurzen Fahrt nach Chiasso schauen sie sich dauernd um, verstecken sich in der Toilette, kommen wieder hervor.


Schweizer Grenze. Der Zug hält. Rund ein dutzend Grenzwächter durchkämmen den Zug. Die Flüchtlinge werden alle abgeführt. Einige leisten Widerstand. Weshalb hindert niemand die Flüchtlinge, die offensichtlich kein Ticket haben, in Como in den Zug zu steigen? „Das ist Politik, dazu kann ich nichts sagen“, erklärt ein Grenzwächter.

Der Beobachter und mehrere hundert andere Passagiere setzen ihre Fahrt fort. Die Flüchtlinge werden wieder direkt nach Italien ausgeschafft, weil sie angeben nach „Germania“ zu wollen, oder gelangen ins Asylverfahren.

Das Leiden dieser Menschen erschüttert. Und gleichzeitig bleibt eine riesige Ratlosigkeit: Was können wir diesen Menschen realistischerweise anbieten? Ist nicht zu befürchten, dass sich viele dieser Flüchtlinge eines Tages gegen Europa wenden werden, wenn sie hier nicht finden, was sie sich erhoffen?

28. Juli 2016

Das letzte „Selfie“ von Mohamed Bouhlel vor dem Attentat von Nizza. Ein obszönes Bild. Darf man es publizieren?

27. Juli 2016

Die französische Nachrichtenagentur AFP meldet, in Libyen besuchten gegen 280’000 Kinder und Jugendliche nicht mehr die Schule. In Benghazi ist nur eine von drei Schulen geöffnet…

25. Juli 2016

„Ein Attentäter mit offenbar islamistischem Hintergrund sprengt sich in Deutschland in die Luft. Dies war der Tag, von dem man gehofft hatte, er würde nie kommen.“

Caren Miosga , ARD, Tagesthemen.de.

Miosga gehörte, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, genau zu den Journalisten, die im September 2015 von einem „Deutschland der Dunkelheit“ und einem „Deutschland des Lichts“ sprachen. Kritische Fragen zur so genannten Willkommenskultur erübrigten sich damit von selbst.

22. Juli 2016

Neues aus Nizza: Der Massenmörder, der 84 Menschen umgebracht und über 100 schwer verletzt hat, hat sehr wohl einen islamistischen Hintergrund. Bouhlel hatte Komplizen, er hat seine schreckliche Tat von langer Hand vorbereitet, und er hat seiner Familie, so vermelden verschiedene tunesische Medien, kurz vor dem 14. Juli 2016 100’000 Euros überweisen lassen. Alles weist darauf hin, dass ein Auftraggeber hinter dem Attentat steckt.

Quelle: Kapitalis

15. Juli 2016

Heute sollte die Produktion für meine „Kontext“-Sendung über die „dritte Generation von Jihadisten stattfinden. Noch am Tag zuvor habe ich mir überlegt, ob es wirklich Sinn macht, dass Interview mit dem Islamismus-Experten Gilles Kepel mit zwei Reportagen über Jihadismus in Tunesien zu verknüpfen.

In den Morgennachrichten erfahren ich vom furchtbaren Attentat von Nizza. Und schon bald stellt sich heraus, dass der Attentäter ein in Frankreich lebender Tunesier war.

9. Juni 2016

“Der Blick auf diese Moscheen (gemeint: albanische; BST) macht deutlich, dass die Mehrheit der hiesigen Imame konser­vativ bis reaktionär ist. Gerade auch dann, wenn sie vorgeben, gemässigt zu sein. Vielleicht sind sie ja beides, reaktionär und angepasst, und leben mit einer doppelten ethischen Agenda. In Saudiarabien im Scharia-Islam geschult, bleiben sie diesem verhaftet, wissen aber, dass dieser mit dem Rechtsstaat europäischer Prägung nicht kompatibel ist.”

Auszug aus der ausgezeichneten Analyse von Michael Meier, Tages-Anzeiger, 5.6.2016

6. Juni 2016

Ständig werde von einer grossen Flüchtlingswelle gesprochen, sagte Inés Mateos, Expertin in Bildung und Diversität. Bis jetzt sei die Schweiz nicht betroffen gewesen. Diese Flüchtlinge interessierten sie erst, sagte Mateos sinngemäss an einer Veranstaltung in Basel, wenn sie wirklich an der Schweizer Grenze stünden.

Diese Aussage ist einigermassen erstaunlich, ist doch Mateos Mitglied der Eidgenössischen Migrationskommission EKM. Vorausschauende Politik sieht anders aus. Es wäre interessant zu wissen, ob solche Analysen in dieser Kommission mehrheitsfähig sind.

5. Juni 2016

Zarzis, Südtunesien. Besuch bei einem Freund, der viel über den Alltag im Touristenort südlich von Djerba weiss.

Die Stimmung vor Ort ist schlecht. Die Touristen bleiben aus Angst vor Anschlägen aus, die Freihandelszone funktioniert ebenso schlecht wie der Hafen für Handelsgüter, es gibt keine neuen, zukunftsträchtigen Projekte. Der Wunsch nach Europa zu emigrieren bleibt hoch. Letzthin sollen mehr als zehn junge Tunesier mit einem Schlauchboot losgefahren sein. Mit dabei eine syrische Fahne – sie hoffen so auf bessere Chancen auf Asyl.

Am deprimierendsten ist aber die Zunahme von Korruption und Vetternwirtschaft. „Früher hatten wir zwei Familien, die uns ausgebeutet haben“, sagt der Kenner der Verhältnisse. „Heute haben wir hunderte kleiner Trabelsis“. Er selber ist schon tätlich angegriffen worden, weil er sich bei der Stadtverwaltung erkundigte, ob der Bau der Villa eines hohen Militärs den kommunalen Bauvorschriften entspreche.

Wir fahren der Küste entlang. An bester Lage, direkt am Strand, ist ein grosses Grundstück zu sehen. Es ist den vormaligen Besitzern kürzlich enteignet worden. Die Justiz in der Provinz sei in keiner Art und Weise unabhängig, sagt der Bekannte; alles sei käuflich. Kürzlich habe ihm jemand gesagt, wenn er jemals einen Titel für ein Grundstück benötige, solle er sich nur an ihn wenden, ergänzt ein anderer. Das koste zwar einiges, sei dafür nicht anzufechten.

Und ein dritter berichtet, wie ein Oberst einen Reisenden, der sich nach der Durchsuchung seines Wagens an der tunesisch-libyschen Grenze darüber beklagt hatte, dass ein Umschlag mit 900 Dinars fehle, ohne Vorwarnung geohrfeigt hatte. „Meine Soldaten sind keine Diebe!“, habe er geschrieen – und die Sache dabei bewenden lassen. Keine Abklärungen. Keine Anzeige, nicht. So ist es einfach.

War da eine Revolution? Wenn ja: Was ist von ihr geblieben?

3. Juni 2016

Die Strandpromenade in Sousse ist belebt, die Stimmung durchaus angenehm. Doch der Verputz an den Fassaden der meisten Hotels blättert. Viele sind geschlossen, und diejenigen, welche geöffnet haben, halb leer. In den Restaurants fehlen die Kunden. Das ist eine Zeitbombe. Denn Zehntausende, die im Tourismus arbeiten, sind zurzeit freigestellt – ohne Arbeitslosenentschädigung.

Auch in anderen Bereichen ist die Regierung mit derart vielen Problemen konfrontiert, dass wirkliche Lösungen nicht zu erwarten sind. Vielmehr ein Durchwursteln und natürlich die Aufrüstung des Sicherheitsapparats.

30. Mai 2016

Eine Veranstaltung über Radikalisierung von jungen Muslimen und Konvertiten in Basel. Der in Berlin lebende Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour referiert. Mansour berichtet unter anderem von seinen Erfahrungen mit konservativen Muslimverbänden in Deutschland. Seine Sicht ist sehr kritisch: Diese Verbände vertreten letztlich eine Auffassung von Religion, ein Menschenbild, das extremistische Haltungen indirekt fördert. Doch Mansour nennt keine Namen, erwähnt keine konkreten Beispiele, bleibt sehr allgemein. Doch offenbar ist schon das riskant: Die Veranstaltung der GGG Basel muss geschützt werden. Mehrere Sicherheitskräfte tigern herum. Zwar relativ unauffällig, aber dennoch sichtbar.

Sind wir tatsächlich so weit gekommen, dass wir in der Schweiz solche Referate und Diskussionen nur noch unter scharfe Sicherheitsvorkehrungen durchführen können? Dieser Umstand schockiert mich fast mehr als die Radikalisierung von ein paar Dutzend jungen Muslimen.

22. April 2016

„Hundert syrische Flüchtlinge im Monat will Deutschland nun also aus der Türkei übernehmen. Man reibt sich die Augen, wenn man diese Zahl liest. Eine Million Asylsuchende sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen; die größte Gruppe unter ihnen waren Syrer. Jetzt schrumpft das auf hundert Menschen im Monat zusammen?

Die Gründe dafür sind bekannt: Die Abriegelung der Balkan-Route und das Abkommen mit der Türkei haben diesen atemberaubenden Rückgang ermöglicht. Das sollten vor allem jene zur Kenntnis nehmen, die in den vergangenen Monaten ständig behauptet haben, Flüchtlingsströme ließen sich grundsätzlich nicht aufhalten, schon gar nicht an europäischen Außengrenzen.

Die Wahrheit ist, dass sich Wanderungsbewegungen sehr wohl steuern lassen, wenn der politische Wille dazu besteht.“

Nikolas Busse, FAZ, 22.4.2016

27. Februar 2016

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud hat sich zu den Vorfällen von Köln geäussert und Maghrebiner zur Selbstkritik aufgefordert. Das hätte er besser nicht getan. Dies meine zumindest französische Intellektuelle, die einen Aufruf in “Le Monde” unterzeichnet haben. Denkverbote sind weiterhin angesagt…

Anders sieht dies die Journalistin Fawzia Zouari:

“Kamel Daoud dérange le confortable angélisme sur l’islam et les musulmans. S’il paraît « essentialiste » aux yeux de certains, il est « essentiel » pour nos sociétés prises au piège du conservatisme et de la bigoterie. Et il ne déteste pas sa culture ni ne souffre d’un déni d’identité, comme l’imaginent ses détracteurs. Non. Il s’inscrit dans une autre lignée de musulmans : celle des écrivains rebelles et des penseurs du doute qui travaillent à desserrer l’étau du dogme et à faire naître l’individu musulman.“

Fawzia Zouari in Jeune Afrique, 24.2.2016

26. Februar 2016

«Wenn in einem Land nicht einmal die Toten willkommen sind, wie sollen sich denn die Lebenden fühlen?»

Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, KIOS, wird in der NZZ vom 23. Februar mit dieser Aussage zitiert. Einmal mehr Kopfschütteln über diesen Herrn, der vorgibt, Schweizer Muslime zu repräsentieren.

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10. Februar 2016

Auszüge aus einem erhellenden Interview mit dem saarländischen Innenminister und Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon:

„Bei 500 Millionen ist eine Million Flüchtlinge eigentlich kein Thema. Aber wenn die Million sich inzwischen eigentlich nur noch auf Deutschland verteilt, ist es ein Problem. In den vergangenen Monaten ging doch gar nichts voran. Wenn jetzt unkontrolliert noch mehr kommen, dann sehe ich den inneren Frieden in unserem Land wirklich in Gefahr. (…)

Die Krise muss international gelöst werden. Wenn ich diesen lahmen Apparat in Brüssel sehe, denke ich, der ist völlig gescheitert. Wenn andere EU-Länder keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, gibt es nur ein Mittel: Man muss denen Gelder streichen. Wie lange will man noch diskutieren? Die EU gibt es offenbar leider nur noch auf dem Papier. Meines Erachtens sind wir auf dem Weg zu einer Gemeinschaft von lauter Egoisten. Diese Länder müssen das finanziell spüren.

Geht das denn so einfach?

Für mich ist das eine Art Notwehr. Entweder alle halten sich an die Regeln oder die Regeln sind außer Kraft gesetzt.

Dann wäre Europa wohl völlig am Ende.

Ja, aber wenn es keine internationale Lösung gibt, dann sind die Staaten, die hunderttausend Flüchtlinge aufnehmen und auch noch viele Millionen an die Länder zahlen, die sich nicht beteiligen, irgendwann am Ende.“

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4. Februar 2016

Gespräch mit dem irakischen Schriftsteller Hassan Blasim, der heute in Finnland lebt. Blasim steht nach eigenen Worten militanten Flüchtlingsorganisationen nahe. Auf meine Frage, ob nun auch in nordischen Staaten die Stimmung umgeschlagen habe, weil viele Kommunen von der grossen Anzahl von Asylbewerbern überfordert seien, antwortete er, in Finnland hätten ohne Weiteres eine Million Flüchtlinge Platz. Mein Einwand, dass dies eine sehr abstrakte Rechnung sei und dafür vorgängig die Zustimmung einer Mehrheit der Bevölkerung erforderlich wäre, quittierte er mit Schulterzucken. Mein Hinweis, es könnten sich in diesen Ländern massive Spannungen oder gar bürgerkriegsähnliche Zustände ergeben, ebenso. Dies sind beunruhigende Perspektiven.

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29. Januar 2016

Ein Mail von einem jungen Malier, der sich zurzeit in der südalgerischen Stadt Adrar aufhält. Er berichtet, dass er sich mit 14 jungen Männern aus anderen Sahelstaaten eine „Garage“ teilt. Jeder bezahlt Ende des Monats 1000 Dinars. Alle wollen nach Europa.

Ich habe A. vor sechs Jahren in Nouadhibou im Norden Mauretaniens getroffen. Auch dort lebte er in einer ähnlichen Behausung. Sein Ziel: Die Kanarischen Inseln. Sechs Monate später kehrte er ins sein Dorf in Mali zurück; die Abschottungspolitik Spaniens hatte Ausreisen beinahe verunmöglicht.

Vor etwa drei Jahre ist er wieder losgezogen. In Algerien kam er nicht mehr weiter. Rückkehr. Und jetzt, mit Geld, das ich ihm für seine angeblich kranke Mutter geschickt habe, ist er wieder losgezogen. Und nun erhalte ich folgendes Mail:

“Je ne peux pas RENONCER A MON VOYAGE, car j’ai beaucoup la curiosité de L’EUROPE, j’ai envie de voir comment la vie se passe aussi chez VOUS, meme si c’est 1heure de temps je le ferai en Europe ou sauf si je meurt dans l’océant.

pour le momment j’ai pas d’argent pour payer le passage, mais je me battrai jusqu’au bout crois moi… CAR SA PASSE OU SA CASSE….”

Migranten in Nouadhibou (2009). ©Beat Stauffer

10. Januar 2016

Was ist von der tunesischen Revolution geblieben?

15. Januar 2015

Ein Schutzraum kann Deutschland nur bleiben, wenn es die Entscheidung darüber zurückgewinnt, wen es ins Land lässt.

Das ist auch eine demokratische Frage. Die selbstbestimmte Volksherrschaft definiert sich über Grenzen – auch die europäischen. Wer hierzulande mehr Vielfalt fordert – das ist für die Bundesregierung offenbar ein neues romantisches Staatsziel, das auch die Nachbarn übernehmen sollen –, der müsste die Frage beantworten, wer auf welche Weise so bereichert werden soll.

Und: Wie das eigentlich demokratisch zu verantworten ist. Der Souverän muss darüber entscheiden, wer dauerhaft dazugehören soll. Deutschland ist nicht auf offene Grenzen angewiesen. Es existiert nur, weil es Grenzen hat. Die hat es gern geöffnet – aber nicht für jeden.”

(Kommentar von Reinhard Müller in der FAZ, 15.12.2015)

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Foto: Daniel Voll

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9. Dezember 2015

“ISIL (=IS) is a perfect manifestation of wahabism.”

(Ahmed Shebani, Gründer der demokratischen Partei Libyens im Telefoninterview, 9.12.2015).

3. Dezember 2015

Treffen mit Andellah E., einem Saharoui, der fast 20 Jahre lang in den Lagern der RASD in Tindouf gelebt hat und sich 1995 entschieden hat, in seine Heimatstadt Smara zurückzukehren. Fast neun Jahre ist es her, seit wir uns zum letzten Mal getroffen haben. Beim Gespräch ist sein Sohn aus erster Ehe dabei. Er lebt noch immer in Tindouf, möchte aber am liebsten nach Europa emigrieren. Wer könnte das nicht verstehen angesichts der extrem schwierigen klimatischen und wirtschaftlichen Situation in der Republik Westsahara…

Foto: Daniel Voll

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19. November 2015

„Sorgen macht mir jedoch der Kontrollverlust einiger Staaten, was sich auf die Terrorbekämpfung auswirkt. Von Deutschland und Österreich hätte ich ein solches Versagen nicht erwartet. Recht früh in der Krise hörten diese beiden Länder auf, Flüchtlinge zu kontrollieren und zu registrieren. Das hätte nie passieren dürfen.“

(Terrorexperte Guido Steinberg in einem Interview im TA, 19.11.2015)

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7. November 2015

Mit einer türkischen Nichtregierungsorganisation  – sie heisst „Brücke der Völker“ – unterwegs in Izmir. Sie helfen den Flüchtlingen mit Naturalspenden, mit Beratung und in einzelnen Fällen durch die Unterbringung von gefährdeten Personen. In diesem Rahmen treffen wir eine junge türkische Coiffeuse aus Idlib, die mit ihren sechs Kindern nach Izmir geflüchtet ist. Eine Pharmakologie-Dozentin hat sie vorübergehend bei sich aufgenommen. Maha – dies ihr Name – will unbedingt nach Schweden, wo bereits zwei ihrer Cousins leben. In einem der offiziellen Lager in der Nähe der türkischen Grenze wollte sie nicht bleiben. Auch sie will offenbar versuchen, übers Meer in Richtung Europa zu fliehen. Ihre Gastgeberin tut alles, um sie davon abzuhalten. Sie sucht eine Möglichkeit, die Frau direkt nach Europa auszufliegen.


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6. November 2015

Nächtlicher Rundgang durch das Basmane-Viertel in Izmir. Überall werden Schwimmwesten und andere Reiseutensilien verkauft.

In meinem Hotel logieren auch drei junge Männer aus Marokko. Auch sie wollen übers Meer. „Alle wollen nach Europa“, sagt der Rezeptionist lapidar.

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28. Oktober 2015

„Es ist (jedoch) unfair, die Ängste normaler Bürger vor den sozialen und gesellschaftspolitischen Folgen des Zustroms von zirka einer Million Armuts- und Kriegsflüchtlingen allein im Jahr 2015 mit dem generellen Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit zu belegen. Demokraten müssen eine ideologiefreie Diskussion über diese Ängste zulassen und diesbezüglich einräumen können, dass nicht alle Flüchtlinge politisch Verfolgte sind, sondern dass auch Armutsflüchtlinge kommen. Diese bringen auch die politischen Konflikte ihrer Herkunftsländer mit. Wenn man den Menschen verbietet, frei darüber zu reden, dann springen wirklich Rechtsradikale und Neonazis ein und nutzen wie Rattenfänger ihre Chance auf Mobilisierung.“

Der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi in: Weltwoche Nr. 42/2015
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24. September 2015

„Merkel räumte ein, dass Europa nicht erkannt habe, dass die Uno-Programme unterfinanziert seien und dass Menschen in den Flüchtlingslagern Hunger litten. Auch die EU-Kommission beschloss am Mittwoch, ihre Finanzhilfen aufzustocken.“ (NZZ, 24.9.2015).

Was für eine unglaubliche Fehlleistung…

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21. September 2015

„Die Türkei hat in Not Geratenen aus dem Nahen Osten großzügig ihre Türen geöffnet, doch der Ton zwischen Einheimischen und Flüchtlingen wird kühler – zumal seit immer mehr Türken klarwird, dass ihre „Gäste“ eben keine Gäste sind, sondern bleiben werden, wenn sie nicht nach Europa weiterziehen.“

„So haben die Äußerungen Angela Merkels und die Fernsehbilder von deutscher „Willkommenskultur“ in Jordanien und dem Libanon eine kaum zu überschätzende Sogwirkung entfaltet.“

Zwei Auszüge aus dem Artikel “Die Macht des Schleusenwärters” (FAZ, 21.9.15). Wenn man diesen Artikel liest, kommt man nicht darum herum, sich die Frage zu stellen, weshalb Deutschland, weshalb die EU nicht schon vor Monaten auf die Situation in der Türkei und in den Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Syriens reagiert haben. War diese Flüchtlingswelle nicht absehbar? Haben Botschaften nicht ganze Stäbe von Mitarbeitern, welche die Entwicklungen vor Ort verfolgen und ihren Aussenministerien Bericht erstatten? Wie kommt es denn, dass die EU von dieser Flüchtlingswelle derart überrumpelt worden ist, als handle es sich um ein Naturereignis?

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17. September 2015

Ein holländischer Journalist soll sich laut einem Bericht im Tages-Anzeiger innert kürzester Zeit einen gefälschten syrischen Pass beschafft haben. Staatliche Migrationsbehörden werden schon bald unzählige Linguisten anstellen müssen, welche die Herkunft von syrischen Asylbewerber zu überprüfen haben…

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16. September 2015

Das deutsche “Sommermärchen” scheint bereits zu Ende. Seit ein paar Tagen werden die deutschen Grenzen wieder kontrolliert. Hatte die Kanzlerin nicht noch vor wenigen Tagen erklärt, “Asyl kenne keine Obergrenze”? Die Nachbarländer haben bereits nachgezogen.

Mir liegt fern, die grosse Aufnahmebereitschaft der deutschen Bevölkerung und die Appelle von Angela Merkel (“Wir schaffen das!“) ins Lächerliche zu ziehen. Deutschland hat mit seinem beherzten Einstehen für Flüchtlinge Beachtliches geleistet und sich einen Ruf als offenes und gastfreundliches Land geschaffen. In der arabischen Welt wird man diese Geste nicht so rasch vergessen.

Doch gleichzeitig war Deutschland von einer Art Realitätsblindheit erfasst, die man wohl nur psychologisch deuten kann. Ging es vielleicht auch darum, sich endgültig vom Bild des hässlichen Deutschen zu befreien? Auch die meisten deutschen Medien sind von diesem Strom der kollektiven Erregung erfasst worden und haben eigentliche Kampagnen geführt.

Nun, zwei Wochen später, werden endlich die Fragen gestellt, die sich verantwortliche Politiker eigentlich gleich zu Beginn hätten stellen müssen. „Wusste man nicht, was auf uns zukommt, oder wollte man es nicht wissen?”, stellt der Moderator von Brennpunkte” am Abend des 14. September in den Raum, und in der anschliessenden Diskussionsendung “Hart, aber fair” ist plötzlich die Rede davon, dass manche Leute angesichts von einer Million Flüchtlingen “Angst um dieses Land hier” haben. Ich befürchte leider, dass die millionenfach verbreiteten Bilder von „Welcome“-Schildern und Blumen an deutschen Bahnhöfen ihre Wirkung zeigen werden. Nun „weiss“ jeder zwischen Kabul und Marrakesch, dass Deutschland das einzige Land ist, das als Ziel in Frage kommt. Das wird Folgen haben, die uns noch lange beschäftigen werden; viele dürften sich noch auf den Weg nach Germany” machen – und enttäuscht werden von dem, das sie dort vorfinden.

Manche deutsche Kommentatoren – so etwa Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie in der taz – scheinen eine klammheimliche Freude zu empfinden, die deutsche Bevölkerung endlich mal tüchtig zu durchmischen und aus ihrer biederen Saturiertheit aufzuschrecken. Sie geben sich so als Zuchtmeister zu erkennen, die letztlich besser wissen, was dem deutschen Volk gut tut. Unter einer demokratischen Grundhaltung verstehe ich etwas anderes. -

In Tunesien, das ich die letzte Woche bereiste, blickt man mit einer Mischung von Verwunderung und Respekt auf Deutschland. Die Golfstaaten und Saudi-Arabien kommen hingegen ganz schlecht weg. Ihr Zynismus ist kaum zu überbieten. Laut der Zeitung „ La Presse” soll der Sprecher des saudischen Aussenministeriums argumentiert haben, man könne im Land keine Flüchtlinge aufnehmen, weil die Differenz zum Lebensstandard in Saudiarabien viel zu hoch sei und weil man keine Verwässerung der eigenen Kultur wünsche.

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9. September 2015

Tunis. Gespräch mit einer tunesischen Schriftstellerin. War das tunesische Volk damals, vor bald 5 Jahren, „reif“ für ein Demokratie-Experiment dieses Umfangs? Ist nun anstelle eines autoritären Regimes nicht eine Art Anarchie getreten – zumindest in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens? Foutieren sich nicht sehr viele Tunesierinnen und Tunesier um zahlreiche Regeln, die ein zivilisiertes Zusammenleben erst möglich machen? Wie kommt es, dass der öffentliche Raum in Tunesien heute derart lieblos und dreckig geworden ist?

Viele Tunesier hätten eine Art kindliche, ja etwas „pubertäre“ Vorstellung von Freiheit, sagt die Gesprächspartnerin. Gleichzeitig glaubt sie bei vielen einfachen Menschen einen tiefen Wunsch nach einer starken Hand zu spüren. „Wenn nicht bald Gegensteuer gegeben wird, droht das tunesische Experiment aus dem Ruder zu laufen“, sagt H. Sie beginne seit kurzem zum ersten Mal daran zu zweifeln, ob sich das Land wirklich auf gutem Weg befinde.

Gleichzeitig meldet H. starke Vorbehalte gegenüber den europäischen Plänen an, den Maghreb zu „demokratisieren“. So ein Vorhaben könne nur gelingen, wenn der Anstoss von innen komme; alles andere sei zum Vornherein zum Scheitern verurteilt.

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4. September 2015

Das Bild des ertrunkenen Flüchtlingsknaben auf der Titelseite der Weltmedien. Die Kommentare in den meisten westlichen Zeitungen lauten, etwas vereinfacht: Eine Schande für Europa. Ist das so?

Keine Frage: Es ist furchtbar, dass Flüchtlinge ertrinken, und Bilder von toten Kindern rühren uns zu Recht. Doch wissen wir nicht seit Jahren, dass tagtäglich Kinder in Syrien umkommen? Brauchen wir solche Bilder, um aus der Lethargie zu erwachen? Dann würde die Veröffentlichung solcher Fotos tatsächlich Sinn machen. Wie immer hochinteressant sind die Ausführungen des Medienjournalisten Rainer Stadler in diesem Zusammenhang.

Die Schuldzuweisung ist hingegen höchst problematisch. Ist wieder einmal Europa an allem schuld? Wie steht es mit der Verantwortung von Saudi-Arabien, dem Land, das diesen Konflikt wohl am meisten angeheizt hat? Wie steht es mit der Verantwortung der türkischen Küstenwache, der türkischen Behörden generell? Es sei kein Zufall, dass eine türkische Fotoagentur die fraglichen Bilder just in diesem Moment an die Weltpresse versandt hat, meint H., ein Schweizer mit kurdischen Wurzeln. Erdogan wolle die Verantwortung für das Flüchtlingselend auf Europa abschieben.

Und wie steht es mit der Verantwortung der arabischen Welt? „Eine Schande über die zivilisierte Welt, doch auch für die Araber“, titelt die tunesische Zeitung Assabah. Sie lässt dadurch mehr analytischen Verstand erkennen als die meisten Kommentatoren westlicher Blätter. Denn die arabischen Eliten, und vor allem die reichen Golfaraber, kümmern sich nicht gross um das Flüchtlingselend ihrer muslimischen Mitbrüder. Laut einem Bericht der Rundschau (2.9.2015) haben Tausende reicher Araber in den Sommermonaten Urlaub in Genf verbracht und dabei einiges Kleingeld in den teuersten Bijouterien liegen gelassen. Solidarität scheint ihnen ein Fremdwort zu sein.

Dies ist keine Plädoyer für eine hartherzige Politik gegenüber Flüchtlingen. Die europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik hat weitgehend versagt. Es muss nun alles getan werden, um Menschenleben zu retten. Doch die Verantwortung für die internationale Flüchtlingskrise einfach Europa in die Schuhe zu schieben, ist billig – und eine schlechte Voraussetzung für die Suche nach neuen, konstruktiven Lösungen.

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17. August 2015

Anruf eines Bekannten aus Südtunesien. Sein jüngerer Bruder, 25, Hilfsarbeiter in einem Malerbetrieb, ist nach Europa abgehauen. Zurzeit lebt er in Palermo, wo er bei Erntearbeiten ein Sackgeld verdient. Seinen Pass habe er bei einem Freund in Libyen gelassen, erfahre ich. Er habe sich in Italien als Libyer ausgegeben. Ob sein Bruder wohl bessere Chancen hätte als Palästinenser, will mein Bekannter wissen? Ob er womöglich gar in der Schweiz einen Arbeitsvertrag erhalten könnte?

Es ist erstaunlich, dass die europäischen Staaten auf Asylgesuche papierloser Gesuchsteller überhaupt noch eingehen. Wer mit einem Handy übers Mittelmeer reist, dem ist zuzumuten, dass er auch einen Personalausweis – oder zumindest eine Kopie oder ein Scan davon – auf sich trägt. In Nordafrika findet derzeit ein schwungvoller Handel mit Papieren von Personen statt, die ihren Personalausweis nicht verstecken, sondern gleich verkaufen. Denn sie wissen, dass ihnen in Europa keine Sanktionen drohen, ja, dass sie in den meisten Fällen besser fahren, als wenn sie ihre wirkliche Identität offenlegen.

Auf solche Weise werden Mischler und Betrüger gefördert, während gleichzeitig ehrliche Personen deutlich weniger oder gar keine Chancen haben auf ein Visum für ein europäisches Land. Das ist schwer nachvollziehbar.

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17. Juni 2015

„Der Zustand des marokkanischen Erziehungswesens ist katastrophal“, sagt der Universitätsdozent bei einem privaten Nachtessen in einem Vorort von Marrakesch. In den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten sei das Niveau in unglaublichem Ausmass gesunken. Studierende verfügten häufig weder über das Fachwissen in ihrem Gebiet noch über elementare Kompetenzen. Wenn nicht sehr rasch eine Kurskorrektur eingeleitet wird, dann fhabe dies für das Land katastrophale Folgen.

A. ist kein Alarmist. Nüchtern legt er dar, dass die Weitergabe des Wissens gefährdet sei, wenn eine ganze Generation junger Menschen unzureichend ausgebildet sei. Doch wer sollte die Kurskorrektur einleiten? Sind sich die Entscheidungsträger ihrer Verantwortung bewusst?

Das Zucchetti-Kartoffel-Tajine und die gekochten Salate sind hervorragend. Leider gibt es dazu an diesem Abend keinen Wein; morgen beginnt der Ramadan. Meine Gastgeber gehören zur privilegierten Schicht in Marokko. Ihre Kinder besuchen Privatschulen und nehmen in der Freizeit Musik- und Tanzunterricht. Kürzlich, sagt A., fand in einem grossen Theatersaal eine Ballettaufführung statt. Als er im Saal gesessen sei, habe er plötzlich – das erste Mal – Angst vor einem Anschlag gehabt. Für radikale Islamisten wäre dieser Anlass ein ideales Ziel gewesen: Ein Anlass der „verwestlichten“ Oberschicht, unverschleierte Frauen, „unislamischer“ Tanz. Und keine Eingangskontrolle.

Nichts geschah. Doch auch in Marokko ist eine gewisse Angst über mögliche Anschläge spürbar. Das Café Argana, im April 2011 Opfer eines mörderischen Anschlags, ist bis heute nicht eröffnet worden.

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3. Mai 2015

Djerba. Ein angenehmes, kleines Hotel am Meer. Ein wenig Entspannung nach dem Stress der Libyen-Reise. Der erste Taxifahrer beschwört die guten Zeiten unter Ben Ali und meint, alles sei bloss schlechter und teurer geworden. Wallah! Ein zweiter beklagt ebenfalls die Flaute im Tourismus. Bei der letzten Kontrollposten vor dem Flughafen wird er von einem jungen Polizisten sehr schroff behandelt. Statt seinen Gruss zu erwidern, herrscht ihn der Polizist bloss an: „Weiter!“ – „So behandeln die uns“, sagt der Taxichauffeur empört. „Es hat sich nichts geändert!“

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2. Mai 2015

Sabratha. Hier soll sich eine IS-Schläferzelle befinden, allenfalls auch ein IS-Trainingscamp. Ein Einheimischer, den ich dazu befrage, meint, es handle sich um Syrien-Rückkehrer, die im Maghreb eine neue Front aufbauen wollten. Sie verhielten sich zurzeit sehr diskret, lebten in Aussenquartieren der Stadt. Über Trainingscamps habe er bloss Gerüchte vernommen; falls es tatsächlich existiere, dann befinde es sich mindestens ein Dutzend Kilometer südlich der Stadt.

Wir kehren in einem türkischen Restaurant ein. Bei zwei jungen Typen glaube ich einen harten, ablehnenden Blick wahrzunehmen. That’s all.

Ausgerechnet Sabratha mit seiner fantastischen römischen Ausgrabungsstätte – UNESCO-Weltkulturerbe – und seinem direkt am Meer gelegenen, hervorragenden erhaltenen Theater.
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1. Mai 2015

Tripolis. Die europäischen Botschaften haben nach den Kämpfen um den Flughafen und einem Anschlag auf die französische Botschaft Tripolis verlassen. Die meisten internationalen Hilfswerke sind ihnen gefolgt.

Doch in diesen Tagen wirkt die libysche Hauptstadt so ruhig und friedlich, dass dieser Exodus kaum nachvollziehbar erscheint. Das einzige Problem seien Kriminelle, die nachts und selten auch tagsüber Überfälle begingen, sagt ein Europäer, der im Land verblieben ist.

Auf dem Märtyrerplatz spielen Kinder, und Strassencafés sind gut besetzt; zum Teil bis gegen zehn Uhr abends. Abends zwischen sechs und sieben herrscht auf dem Omar Mokhtar-Boulevard, einer der Hauptachsen im Zentrum von Tripolis Stossverkehr. Am Morgen wirkt die Stadt hingegen erstaunlich ruhig. Viele Einwohner der Stadt blieben zu Hause, viele hätten ihren Wohnsitz vorübergehend auch ins Ausland verlegt, ist zu hören.

Von einem Land im Kriegszustand, von einem gescheiterten Staat kann in Tripolis, kann im ganzen Westen Libyens keine Rede sein. Ein Vergleich mit Syrien ist völlig abwegig. Viele Libyer beklagen sich denn auch über die Berichterstattung in internationalen Medien, welche die lokal beschränkten Konflikten und gewalttätigen Zusammenstössen dramatisierten. Die in der Tat schwierige Situation in Benghazi sowie ein paar weiteren Städten im Osten - etwa in Derna – sei nicht zu vergleichen mit der Lage in Tripolitanien.

Der gesamte Westen des Landes von Misrata bis an die tunesisch-libysche Grenze wirkt nach wie vor wohlhabend und stabil. Abgesehen von den massiven Zerstörungen in den Stadtzentren von Misrata und Zawia sowie an spezifischen Orten in Tripolis – etwa dem Flughafen und der ehemaligen Ghadhafi-Festung Bab al-Azizia – sind kaum Kriegsschäden festzustellen. An manchen Orten wird auch neu gebaut. Gleichzeitig sind zahlreiche grosse Bauprojekte offensichtlich gestoppt worden.

Der Reporter hat auch den Eindruck, dass die öffentliche Verwaltung mehr oder weniger funktioniert und dass das Unwesen der Brigaden ohne Uniform gestoppt worden ist. Waren noch vor zwei Jahren an vielen Strassenkreuzungen sehr junge Männer zu sehen, die ihre Waffen locker über dem T-Shirt geschultert hatten und Trainerhosen oder gar Shorts trugen, so tragen heute praktisch alle Milizionäre eine Uniform. Sie sollen angeblich in staatliche Sicherheitskräfte integriert worden sein. Nur ab und zu sind noch „wilde“ Milizionäre zu sehen, die in versprayten Autos herumrasen, sich an keine Verkehrsregeln halten und sich als eine Art Warlords gebärden. Die Libyer mögen diese Kämpfer nicht. Doch es scheint nicht ganz einfach zu sein, diese Freischärler zu domestizieren, und ihre Waffen verleihen ihnen eine gewisse Macht. Ob sich unter ihnen tatsächlich auch freigelassene Häftlinge befinden, wie oft zu hören ist, lässt sich nicht eruieren.

Die Abfallentsorgung funktioniert in Tripolis eher besser als in den grossen Städten in Tunesien. In Misrata haben wir gar einen neu errichten Spielplatz für Kinder gesehen, der auf einer wilden Abfalldeponie errichtet worden ist. Die Bewohner von Misrata sind stolz auf derartige Initiativen, die belegen sollen, dass sich in Libyen ein Geist der Bürgerverantwortung entwickelt und dass es trotz vielen schlechten Nachrichten durchaus auch gute gibt.

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30. April 2015

Unterwegs in Libyen.Die Limousine deutscher Provenienz, die einst an Ghadhafis Gipfeltreffen Minister und Staatschefs nach Syrte gefahren hat, überholt auf dem Weg von Djerba nach Tripolis alle andern Autos und fährt ganz einfach an den langen Schlangen wartender Autos vorbei. So lässt sich gut reisen… Mit bis zu 160 Stundenkilometer rasen wir Tripolis entgegen; die Schlaglöcher auf der halbwegs gut unterhaltenen Autobahn sind nur als ein leichtes Rumpeln wahrzunehmen. Alles scheint ruhig zu sein. Eine trügerische Ruhe? Ein einziges Mal kommt eine gewisse Nervosität auf, als auf einer Brücke eine lange Reihe von Militärfahrzeugen sichtbar wird. Später erfahre ich, dass es auf dieser Brücke zu einem Zusammenstoss zwischen Milizen, die mit Haftar verbündet sind, und denjenigen von Fajr Libya gekommen sein soll.

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29. April 2015

Zarzis, Südtunesien. Die Emigration junger Tunesier ist fast vollständig gestoppt worden. Doch in Zarzis kommen nun immer häufiger Boote aus Libyen an, die einen Motorenschaden hatten oder, so meint ein Insider, absichtlich dorthin gesteuert wurden. Beim letzten Boot, das über 80 Migranten aus Schwarzafrika “geladen” hatte, sollen sich der Kapitän und zwei, drei weitere Personen nach der Rettung rasch wieder entfernt haben. Sie sollen angeblich bereits in Lampedusa sein.

Gespräche mit einzelnen der Flüchtlinge. Sie sind total verzweifelt, haben sie doch den Schleppern ihre gesamten Ersparnisse abgegeben. Jetzt sind sie mittellos. Alle wollen nach Europa.

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29. März 2015

„Diese Revolution hat einen ‚goût de raté’“, sagt der Historiker T., den ich seit 25 Jahren kenne. Bereits drei Tage nach der Revolution sagte er mir, das sei alles schlicht zu schön, um wahr zu sein. Heute ist er deprimiert. Hängt dies mit seiner privaten Situation zusammen? Ist es die Sichtweise eines Zynikers? Oder wollen die anderen, welche die Revolution immer noch glorifizieren, obwohl der Lack mittlerweile zum grossen Teil abgeblättert ist, einfach nicht wahrhaben, was seither gelaufen ist?

T. weist auf das neue Selbstbewusstsein der Sicherheitskräfte, ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, ihre wachsendes Gewicht. Sie seien, sagt T. mittlerweile faktisch „ein Staat im Staat“. Und dann die Geschäftemacher unter Ben Ali, die Profiteure, die, so T., grösstenteils ungeschoren davon gekommen seien. –

Klar ist: Tunesien ist daran, das Trauma des Ben Ali Polizeistaates zu überwinden. Man ist den schwarz gekleideten, schwer bewaffneten Sicherheitsleuten wieder zu Dank verpflichtet. Und diese wissen um ihre Bedeutung, ihre gesellschaftliche Rolle. Nur: Das Geld, das in diese Sicherheitssysteme fliesst, fehlt anderenorts.

“Revolution Shops” in Tunis. © Beat Stauffer

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26. März 2015

Kasserine. Keine zehn Kilometer vom Djebel Chaâmbi entfernt. Fast fünf Stunden von Tunis mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Drei Tage Recherche. Grosszügige, mutige Menschen, die sich von den Jihadisten, die sich in den Chaâmbi-Bergen festgesetzt haben, nicht einschüchtern lassen wollen.

Ein unangenehmer Moment, als ein paar schwer bewaffnete Sicherheitskräfte in die Hotelhalle stürmen. Ich erfahre später, worum es geht: Die Rezeption wird instruiert, wie sie sich zu verhalten hat, sollten Terroristen versuchen ins Hotel einzudringen.

Die Sicherheitsvorkehrungen scheinen minim. Besteht hier eine Gefahr für ausländische Journalisten? Tagsüber gehen die Menschen ihren Alltagsbeschäftigungen nach, und nichts weist darauf hin, dass sich in der Nähe Jihadisten verschanzen. Doch nachts ist die Stadt wie ausgestorben. Vor dem Gebäude der tunesischen Zentralbank patroullieren schwer bewaffnete Soldaten, das Gewehr im Anschlag. “Die Jihadisten sind unter uns”, sagt einer der Aktivisten einer NGO. “Sie verstecken sich in den armen Vorstadtvierteln und organisieren ihre Aktivitäten von dort aus.”

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26. Februar 2015

“Menschenrechte, nicht irgendwelche heiligen Schriften, müssen die Grundlage des Zusammenlebens der Menschheit sein. Das ist ein schwieriger und langer Weg, von dem eher unwahrscheinlich ist, dass er in diesem Jahrhundert schon sein Ende finden wird. Doch in der Zwischenzeit sollten Staat und Gesellschaft nicht gerade auf diejenigen hören, die lautstark auf die Achtung ihrer Religion pochen. Sondern sie sollten die fortschrittlichen Kräfte im Islam unterstützen. Viele Muslime sehnen sich nach den Freiheitsrechten westlicher Gesellschaften, nach Gleichberechtigung von Mann und Frau, nach Menschen- und Grundrechten und einem Leben ohne religiöse Bevormundung. Sie sehnen sich mehr danach, als sie dies zugeben dürfen.” (Heinz-Werner Kubitza, Theologe und religionskritischer Autor, Deutschlandfunk, 23.2.2015)

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19. Januar 2015

« Si vous n’aimez pas la liberté, pour l’amour de dieu faites vos valises et partez […], quittez les Pays-Bas si vous n’arrivez pas à trouver votre place ».

Wer hat das gesagt? Ein verbockter SVPler? Ein Pegida-Anhänger? Ein ordinärer Rassist?

Falsch. Es war der Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, der seinen Landsleuten, die wie er aus Marokko stammen, schon öfters mal die Leviten gelesen hat.

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15. Januar 2015

Nach über 200 Jahren immer noch aktuell:

„Wohin die Wahaby ihre Waffen trugen, da zerstörten sie alle Kuppeln und mit Zierrathen umgebene Gräber. Die Zerstörung der Kuppeln und Gräber der Heiligen war eine Lieblingssache der Wahaby geworden.“

Johann Ludwig Burckhardt alias Scheich Ibrahim, ca. 1813, aus „Notes on the Bedouins and Wahabys“ (Reprint).

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10. Januar 2015

Nador. Treffen mit einem spanischen Pater, der sich seit Jahren für klandestine Migranten engagiert, die versuchen, über die stark gesicherten Grenzzäune von Melilla auf europäischen Boden zu gelangen. Anschliessend, zusammen mit einer kleinen spanischen Delegation, eine Besichtigungstour entlang der Grenze und Gespräche mit schwarzafrikanischen Migranten.

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9. Januar 2015

Die furchtbaren Attentate der Jihadisten in Paris waren einmal mehr Anlass für pathetische Bekundungen aller Art. Dabei wird oft übersehen, dass gewisse islamische Exponenten bewusst eine gewisse Doppeldeutigkeit pflegen. Säkulare Kreise im Maghreb scheinen dies klarer zu sehen als viele Leute Intellektuelle hierzulande. So etwa der marokkanische Unternehmer Karim Tazi: “Ceux qui sont morts sont des héros. Ce massacre interpelle la majorité silencieuse des musulmans de France, qui n’approuvent pas ce qui s’est passé mais restent dans un mutisme ambivalent qui devient insupportable. On exhibe toujours les mêmes figures, déclamant des poncifs sur l’islam, religion d’amour. Cela ne suffira pas. S’il existe une majorité de musulmans qui condamnent réellement ces actes de barbarie, elle doit le dire haut et fort.” (Jeune Afrique, 9. Januar 2015)

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6. Januar 2015

Rabat. Strahlendes Winterwetter. Per Taxi in ein Aussenquartier. Der Chauffeur informiert mich über das hinterhältige Attentat auf die Redaktion von Charly Hebdo – und entschuldigt sich, als hätte er etwas damit zu tun. Eine rührende Geste.

Beklemmung. Haben die Jihadisten auf solche Weise ihren “Krieg” nach Europa hineingetragen? Ist nun mit dem Schlimmsten zu rechnen: mit weiteren Gewalttaten, aber auch mit einer Verhärtung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, zwischen Immigranten und “autochtonen” Europäern?

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4. Januar 2015

Heftige Diskussionen mit ein paar Freunden über die PEGIDA-Bewegung in Deutschland. Eine aufgeklärte Muslimin, eine Ethnologin, eine Romanistin, der Journalist. Ausgerechnet die Muslimin plädiert dafür, die Gefühlslage der PEGIDA-Aktivistin zumindest ernst zu nehmen. Die andern finden nur Hohn und Verachtung für die “dumpf-fremdenfeindliche Stimmung”, ausgerechnet in Dresden, wo fast keine Muslime lebten. Ich halte mich zurück, kenne die Bewegung nicht aus eigener Anschauung. Doch die kategorische Ablehnung irritiert;  gewisse muslimische Gruppierungen – in erster Linie Salafisten – und deren Auftreten sind durchaus problematisch.

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1. Januar 2015

“Man durchquert das Leben nicht auf einem gesicherten Fussgängerstreifen.”

Blaise Cendrars

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24. November 2014

Vor genau 20 Jahren recherchierte ich zum ersten Mal zum Thema “Islamisten in der Schweiz”. Mein Artikel wurde Anfang Januar 1995 im Tages-Anzeiger veröffentlicht.

Der Inhalt stiess damals auf Widerstand bei Kreisen, die in solchen Recherchen einen islamophoben Akt erblickten. “Woher wissen Sie, dass in Schweizer Moscheen antisemitische und hetzerische Predigten gehalten werden?”, herrschte mich etwa Professor Kreis einige Jahre später in einem Interview an. Heute sind wir schon froh, wenn sich Jihad-Kämpfer bei ihrer Rückkehr nach Europa halbwegs resozialisieren lassen. Laut dem Islamismus-Experten Guido Steinberg (Presse-TV vom 23.11.2014) muss leider mit Anschlägen in Europa gerechnet werden.

Unerfreulich ist auch der Umstand, dass der IS-”Kalif” Baghdadi sehr wohl über eine profunde islamische Bildung verfügt. Dies widerlegt die These, dass es sich bei Jihadisten durchwegs um Leute handelt, die von islamischer Theologie keine Ahnung haben.

9. November 2014

Rundreise durch Marokko. Einmal mehr beeindruckt durch die hervorragende Infrastruktur… Nirgendwo sind Anzeichen von massenhafter Unzufriedenheit zu spüren. Den Menschen in allen arabischen Ländern dürfte die Lust auf Aufstände in den letzten Jahren tüchtig vergangen sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie zufrieden sind…

22. Oktober 2014

„It is just a matter of time“, bevor in Belgien die Muslime die Mehrheit darstellten, sagt Fouad Belkacem, der Chef von „Sharia4Belgium“ gegenüber dem TV-Kanal cbn News in der Sendung „Belgium or Belgistan?“. Demokratie und Islam seien einander wesensfremd; man könne auch nicht gleichzeitig Christ und Jude sein. Der Westen müsse sich auf eine „Welle von Scharia und Islam“ gefasst machen, und „der Sieg von Allah sei ganz nah“. Ohne die Bedeutung derartiger Aussagen und von Gruppierungen wie „Sharia4Belgium“ zu überschätzen: Höchst irritierend sind sie allemal. Diese Woche steht Belkacem in Belgien vor Gericht.

Fouad Belkacem ©Belga/AFP

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25. September 2014

In Tunesien haben gegen 70 Politiker aus allen politischen Lagern  ihre Kandidatur für das Präsidentenamt angemeldet. Einzig Ennahda hat darauf verzichtet, einen eigenen Kandidaten zu stellen, was wohl als geschickter Schachzug zu interpretieren ist. Auch ehemalige Minister unter Ben Ali stellen sich als Kandidaten zur Verfügung – ein Novum. Während die einen diese Vielzahl von zumeist unqualifizierten Kandidaten/-innen als Zeichen der politischen Unreife sehen, meinen andere, das gehöre zum demokratischen Lernprozess.

Dazu ein kurzer Kommentar von Marouen Achouri, Businessnews.tn. “On ne cherche pas un président de la République, on cherche un sauveur. On ne cherche pas un homme politique, on cherche un papa.“

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12. September 2014

Diskussion mit einem atheistischen Maghrebiner, der aus seiner Kritik an allen Religionen keinen Hehl macht. Er behauptet, der Grund für die lauwarme Reaktion der meisten Muslime auf die Untaten des “Islamischen Staates” liege darin, dass viele klammheimliche Sympathien für den IS hätten – auch in der Schweiz. Endlich getraue sich eine (muslimische) Organisation, den Amerikanern die Stirn zu bieten.

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11. September 2014

„Töten im Namen Allahs“: Der in der NZZ vom 6.9.2014 erschienene Artikel bringt Vorbehalte gegenüber dem Islam messerscharf auf den Punkt. Der allerwichtigste scheint mir der zu sein, die islamische Theologie besitze keine „argumentative Ressourcen, um das Vorgehen des IS als ‘unislamisch’ zu verurteilen”. Dies könnte die„ fatale Beisshemmung gegenüber Radikalen“ - so die Süddeutsche Zeitung (8.9.2014) – des sunnitischen Klerus in den meisten islamischen Ländern erklären. Problematischer erscheint die Behauptung, ein grundsätzliches Tötungsverbot sei im Islam unbekannt. Für Saida Keller-Messahli, Gründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI), sind solche Argumente allerdings “oberflächlich, ahistorisch und selbstgefällig“. Im Koran stehe nämlich auch “Wer einen Menschen tötet … . dann wäre dies so, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wer einem Menschen das Leben erhält, dann wäre dies so, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ (Sure 5, Vers 32). Oft finde sich im Koran, so Keller-Messahli, eine Aussage und ihr Gegenteil. Das liege an der Entstehungsgeschichte des Textes, die viel zuwenig debattiert werde.

In den Leserbriefspalten der NZZ hat jedenfalls bereits ein heftiger Schlagabtausch hinsichtlich des erwähnten Artikels eingesetzt. Es wäre wichtig, diese ideologisch hoch aufgeladene Frage weiter zu diskutieren. Klar ist: Von Mossul bis Marrakesch wird eine Kultur der Gewalt gepflegt, die für die Zukunft dieser Länder eine schwere Hypothek darstellt.

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9. September 2014

Gehen junge Milizionäre in Tripolis mit schweren Waffen um, als handelte es sich um ein Videospiel? Dies meint zumindest ein Journalist von Libya Herald:

„Almost all the militias are using youngsters who have no training and who are shooting missiles randomly at supposed opponents.  “It’s like PlayStation for them,” said a leading state official who asked not to be named.“They are undisciplined and irresponsible”, he stated.“ (Libya Herald, 8.9.2014, Artikel „Uneasy calm in Tripoli“).

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8. September 2014

“Der Islamische Staat ist nicht das Ergebnis einer israelisch-amerikanischen Verschwörung, er ist auch nicht das Ergebnis des titanischen Vernichtungswillens der von der Macht verdrängten Muslimbrüder – sondern teilweise auch das Ergebnis einer autoritären Politik, die Islamisten generell als Staatsfeinde einsperrt. Die Gesellschaften im Nahen Osten sind patriarchalische Zwingburgen und brauchen dringend mehr Luft, auch und vor allem religiös. Die gängigen Islam-Exegesen sind entweder staatsnah korrumpiert oder erstarrt. Beides fördert den Extremismus.”
Kommentar von Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung, 8.9.2014
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29. August 2014

Der öffentliche Strand in der Nähe des alten Stadtzentrums von Hammamet ist wunderschön gelegen und von Verschandelung durch Neubauten bis anhin weitgehend geschützt. Dies liegt an einer Reihe privater Villen mit üppigen Gärten, aber auch einem Hotel aus den 60-er Jahren, das seit langem geschlossen ist und dessen parkähnlicher Garten langsam vergammelt.Zu Fuss dem Strand entlang rücken ein paar protzige Villen ins Blickfeld, wohl ohne Baubewilligung und sehr nahe am Meer erbaut. Eine ist durch einen Brand verwüstet; sie gehörte einem Mitglied der verhassten Trabelsi-Familie und wurde nach der  Revolution geplündert.Vor dem Maison d’hôte Dar El Hayet ist schon am späten Nachmittag ein Diskjockey im Einsatz. In Lounge-Sesseln und auf Liegestühlen gibt sich eine betont lockere Kundschaft dem ersten Apero hin. Bier-, Weisswein- und Champagnerflaschen stehen in den Kühlern, dazu werden Häppchen gereicht. Das Publikum sieht mehrheitlicharabisch  - oder franko-maghrebinisch – aus. Auch viele Frauen genehmigen sich einen Drink. Offenbar hatte die Aktion von Salafisten, die  keine 300 Meter von diesem Ort entfernt öffentlich gebetet hatten, nicht viel gefruchtet.Nur ein paar Schritte weiter eine vollkommen andere Szene. Auf einem grossen, hässlichen  Grundstück, das aussieht, als würde hier bald ein Neubau errichtet, sind Dutzende von Autos parkiert. Bauschutt wurde bis am Rand des Grundstücks deponiert, gut sichtbar von Meer aus.Aus einem der Autos steigt eine ganzkörperverschleierte Frau und ihr Mann im typischen Salafisten-Outfit. Irgendwie passen diese Figuren zu dieser hässlichen Szenerie. Denn nach allem, was bekannt geworden ist, kümmern sich radikale Islamisten einen Deut um die Umwelt. Wichtig ist einzig und allein das Befolgen islamischer Regeln. Auch für den Bürgermeister der Stadt, so berichtet ein Insider, scheint die zunehmende Verunstaltung der Stadt kein Thema zu sein. Er ist Mitglied von Ennahda.

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28. August 2014

Tunis. Abends auf ein Bier im Café de Paris an der Avenue Habib Bourguiba. Seit Jahrzehnten hat sich kaum etwas verändert. Im grossen, hohen Raum im Stil er 60-er oder 70-er Jahre sitzen gegen hundert Männer an kleinen Bistrotischen, auf denen ganze Batterien von Bierflaschen stehen. Dazu werden Saubohnen oder Mandeln gegessen. Fast alle rauchen; ein unerträglicher Qualm liegt über dem Lokal, dazu ist es stickig heiss. Daussen wäre es sehr viel angenehmer, es geht bereits ein leichts Lüftchen, aber auf der Terrasse darf  - zumindst für Muslime – kein Alkohol serviert werden. So bleiben sie eben drinnen, im Lärm und Qualm. Die grossen, fast schaufensterartigen Fenster des Lokals geben den Passanten der Avenue Habib Bourguiba freien Blick auf das unislamische Geschehen im Lokal drin; kein Vorhang, keine Rolladen schützt vor fremden Blicken.
Eine derart transparente Doppelbödigkeit ist fast schon wieder sympathisch.

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21. August 2014

Nun hab es auch die schwerreichen Finanziers der Jihadisten in Saudiarabien und in den Golfstaaten gemerkt: Es könnte für sie selber brenzlig werden. Der Mufti von Saudi-Arabien, Abdel Aziz al-Cheikh, bezeichnet den “Islamischen Staat” als eine “extremistische terroristische, kriminelle Vereinigung”. Die Einsicht kommt etwas spät. Wer weiss, vielleicht richtet sich die blinde Zerstörungswut der IS-Jihadisten schon bald gegen die Petromonarchien. Dort dürfte ebenso viel “Dekadenz” zu finden sein wie im “ungläubigen” Westen.

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20. August 2014

Ein Ranking der Zeitung “The Economist” hinsichtlich der Lebensqualität von Grossstädten weltweit kommt bezüglich der Städte in Nordafrika zu einem verheerenden Ergebnis. Algier nimmt den 135. Rank ein, Tripolis den 132., Casablanca den 112., Tunis den 104. Rang. Bei aller Vorsicht gegenüber solchen Rankings ist das Resultat niederschmetternd, vor allem für das potenziell reiche Algerien. Was für eine Unfähigkeit, die Erdölmilliarden halbwegs sinnvoll einzusetzen! Eine Reportage in Le Monde kommt zu einem ähnlichen Resultat: Die vor kurzem neu erbaute Autobahn Algier-Constantine befindet sich schon jetzt in einem deplorablen Zustand.

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8. August 2014

“So präsentiert sich der Islamismus des 21. Jahrhunderts als ultraradikaler Kalaschnikow-Islam, der Religion pervertiert. Dieser Jihadismus wird zur Geissel der muslimischen wie der nicht muslimischen Welt. Keiner wird dem blutigen Phänomen schnell Herr werden, weder mit Diktatur noch mit Drohnen oder Feldzügen. Die Staaten im Nahen Osten zerfallen.” (Tomas Avenarius, TA, 5.8.2014)


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4. Juli 2014

Telefonat mit Freud M. aus El Kef, Tunesien. Seine Einschätzung der gegenwärtigen Lage in Tunesien ist ernüchternd. M. ist überzeugt, dass Tunesien die historische Chance verpasst hat, der Revolution zum Durchbruch zu verhelfen. Der Schwung ist weg, und der Wagen der Revolution ist im Sumpf steckengeblieben. Alles ist harzig, zähflüssig, blockiert. Von Enthusisamus ist fast nichts mehr zu spüren. Stattdessen Machtkämpfe, politischer Basar, Seilziehen hinter den Kulissen. Politiker werfen mit grossen Worten um sich, mit Konzepten, mit Visionen, und realisieren nicht, dass das Volk seit langem die Nase voll hat. Alles ist unklar, intransparent, verworren. Die meisten Akteuren spielen mit gezinkten Karten: Was sie offiziell verkünden und was sie tun, sind zwei Paar Schuhe. Dabei empfinden sie keine Scham, das Wort „Revolution“ in den Mund zu nehmen.

Ist diese Analyse zu pessimistisch? On verra…

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13. Juni 2014

Tunis. Weshalb sind in den vergangenen zwei Jahren, als Ennahda an der Macht war, kaum Polizisten und Geheimdienstoffiziere verurteilt worden, die sich Folter und anderer Menschenrechtsverletzungen haben zuschulden kommen lassen? Mein Gesprächspartner  - eine seriöse Quelle – hat dafür ein einleuchtendes Argument: Ennahda habe diese Täter mit ihren Untaten konfrontiert und sie vor die Alternative gestellt, sich bedingungslos auf ihre Seite zu schlagen oder aber vor Gericht gestellt zu werden. So habe es Ennahda geschafft, innerhalb des Sicherheitsapparats eine “loyale” Fraktion aufzubauen. Diese Polizisten sollen anschliessend heikle Aufgaben übernommen haben – so etwa das Ausschleusen von radikalen Islamisten, die per Haftbefehl gesucht wurden.

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10. Juni 2014

In Zarzis sind mindestens 30-40 junge Männer für den Jihad rekrutiert worden. Die Anwerber sind meist in Moscheen zu finden. Es sind unscheinbare, unauffällige Gebäude in Aussenquartieren der Stadt. Von aussen weist kaum etwas darauf hin, dass dort Salafisten verkehren.

Mein Begleiter D. zeigt mir ein paar solcher Moscheen. Er bittet mich, nur sehr vorsichtig zu fotografieren. In einer dieser Moscheen verlangte der Imam den “Kopf” des linken Abgeordneten Mohamed Brahmi. Wenige Tage später wurde dieser in Tunis erschossen.

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22. April 2014


Amadou aus Mali. Vor rund fünf Jahren habe ich ihn in Nouadhibou kennengelernt. Er wollte via Kanarischen Inseln nach Europa ausreisen. Sein Projekt scheiterte, nachdem ihm ein “Kollege” seine paar hundert Euros gestohlen hatte. Rückkehr nach Mali. Ab und zu erhalte ich von Amadou Mails, in denen er sein schwierige Lage in drastischen Worten beschreibt. Heute erfahre ich, dass er erneut nach Mauretanien aufgebrochen ist, um “es” zu versuchen. Originalton: “Quand  j’aurrai nun peux  d’argent j’irai au maroc pour essayer de partir en espagne. Je suis venu me battre Beat.”

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8. April 2014

“Also, wenn ich heute auf das zurückblicke, was ich 2011 in meinen Artikeln geschrieben habe, so ist mir mein damaliger Optimismus fast schon peinlich. Ich glaube, dass die Situation, so wie sie sich gegenwärtig darstellt, unhaltbar geworden ist – aus dem Grund, weil all die Probleme und Ungerechtigkeiten, die es bereits vor der Revolution gab, heute weiter existieren. Ich befürchte, dass die nächste Welle der Revolution noch gewalttätiger sein wird, mehr als wir das ertragen können – eine Konfrontation, die alles wegwischt und auslöscht. Es ist wie ein Kampf zwischen einem Spieler und einem Verrückten, wobei keiner weiss, wer der Gegner ist.”

Mansura Eseddin, ägyptische Schriftstellerin, in Qantara

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5. April 2014

Neun Uhr nachts ausserhalb von einem kleinen Dorf im tunesischen Hinterland. Es ist stockfinster. Der Reporter aus der Schweiz und sein tunesischer Begleiter warten am vereinbarten Ort auf einen Mann, der vor kurzem aus Syrien zurückgekehrt ist. Plötzlich ist die kleine Flamme eines Feuerzeugs zu sehen. Ein Mann taucht auf. Es ist Abou Hamza al-Tunsi, ein fahnenflüchtiger Jihadist aus Syrien.

Kurze Begrüssung. Die Stimmung ist angespannt, der Mann, dessen Gesicht nur schemenhaft zu erkennen ist, wortkarg. Wir fahren zurück ins Dorf. Vor dem kleinen Café des Ortes halten wir an. Mit dem Besitzer haben wir vorgängig vereinbart, dass wir sein Café für das Treffen nutzen können. Erst jetzt sind die Gesichtszüge des Mannes zu erkennen. Er hat kurz geschnittene, schwarze Haare, eine Zyste auf der Wange, ungepflegte, verfaulte Zähne und einen misstrauischen, flüchtigen Blick. Abou Hamza hat einen strengen Körpergeruch, sein Bart ist rasiert, und er trägt eine schwarze Stoffjacke und Jeans. Von seinem Äusseren her ist er in keiner Art und Weise als ehemaliger Jihadist zu erkennen.

Misstrauisch kontrolliert Abou Hamza das Aufnahmegerät. Fotografiert werden will er unter keinen Umständen. Er hat grosse Angst vor der Polizei. Offiziell hat er die letzten anderthalb Jahre in Libyen verbracht. Seine Eltern, seine Familie, sein Freunde wissen nicht, dass er als Jihadist in Syrien gekämpft hat. Einzig sein Bruder weiss Bescheid. (…)

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24. Februar 2014

In Aleppo, so meldet der Tages-Anzeiger, soll ein Gesandter von Kaida-Chef al-Zawahiri selber Opfer eines Selbstmordanschlags geworden sein. Abu Chalid al-Suri, dies sein Name, war offenbar ein Vertrauter Bin Ladens; seine Aufgabe war es, zwischen den rivalisierenden Jihadisten in Syrien zu vermitteln.

Soll man eine gewisse Genugtuung darüber empfinden, dass nun einer der Jihad-Ideologen selber auf brutale Weise ins „Paradies“ spediert worden ist? Könnte dieser Vorfall vielleicht eine abschreckende Wirkung auf all die furchtbaren Zauberlehrlinge haben, die eine konsequent islamische Gesellschaft mit Bomben und Selbstmordattentaten herbeizwingen wollen? Klar ist: Die geistigen Urheber dieser „Widerstandsform“ gehören mit Sicherheit zu den grössten Verbrechern der Menschheitsgeschichte.

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20. Februar 2014

Flughafen Casablanca. Ein untersetzter Mann mit kurzem Haarschnitt, Vollbart, orientalischen Pluderhosen, die bis zur Mitte der Waden reichen, Turnschuhen, einem modischen Umhängetäschchen und einer Jacke in den Farben eines Tarnanzugs. Nur ein paar kleine Details unterscheiden ihn von einem Jihadisten: Er trägt keinen Turban und keine Waffe, und seine Hosen sind aus Jeansstoff hergestellt. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Reisender bis auf die Unterhosen untersucht worden, und möglicherweise hätte man ihn gar nicht abfliegen lassen. Heute scheint dies kein Problem mehr zu sein. Zwar mustert ihn die junge Frau am Check-in-Schalter mit skeptischem Blick, doch der Grenzbeamte scherzt mit dem Salafisten. Was hat dies zu bedeuten? Sind solche Leute salonfähig geworden? Stossen sie auf klammheimliche Sympathien?

In Zürich steigt ein ganz ähnlich gekleideter Salafist aus dem Flugzeug.

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19. Februar 2014

Marrakesch. Heftige Diskussion über das politische System in Marokko und über den König. Die Gäste – Europäer, die in Marokko leben -, verteidigen den Monarchen. Ohne ihn würde Marokko auseinanderbrechen, wären Schwule Ihres Lebens nicht mehr sicher, würde die Islamisten in vielen Bereichen die Oberhand gewinnen. Es sind genau diese Argumente, die auch viele kritische Intellektuelle vorbringen. Doch kann dies ein Grund sein, über die schwerwiegenden Probleme des Landes hinwegzusehen, so etwa über den gravierenden Rückstand Marokkos in den Bereichen Bildung und staatliches Gesundheitswesen?

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10. Januar 2014

Wäre es nicht an der Zeit, dass sich die Gerontokraten dieser Welt endlich dorthin zurückzögen, wo sie in Ruhe ihren letzten Lebensabschnitt geniessen könnten? (Bild: Fidel Castro, © Le Monde)

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9. Januar 2014

Mohamed-Karikaturen lassen sich gut zu politischen Zwecken einsetzen, um Emotionen zu schüren und den Verstand gewisser Zeitgenossen ausser Kraft zu setzen. Wie zufällig zirkulierten im tunesischen Verfassungsrat gestern, just vor einer wichtigen Abstimmung, Kopien mit einer solchen Karikatur. Und wie geplant, kam es zu heftigsten Reaktionen. Beobachter vor Ort glauben den Brandstifter identifizieren zu können: Abderraouf Ayadi, ein schillernder Politiker, der regelmässig die gewalttätigen Revolutionsschutz-Ligen verteidigt hat.

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20. Dezember 2013

Treffen mit einem der bekanntesten Radio-Moderatoren Tunesiens, Haythem El Mekki. Wir haben uns schon mehrfach getroffen und uns über die Lage im Land unterhalten. So negativ wie dieses Mal war seine Einschätzung noch nie. Die Stimmung im Land sei sehr deprimiert, und eine grosse Mehrheit der einfachen Leute wünschten sich Ben Ali zurück.

Viele der jungen Menschen, die vor drei Jahren voller Begeisterung für die „Revolution“ und eine Demokratisierung ihrer Gesellschaft gekämpft haben, berichtet der 31-jährige Haythem, sind heute resigniert und leben zurückgezogen. Zwar gibt es immer wieder Versuche, sich die Politik einzumischen, doch diese haben nur wenig Breitenwirkung. Das Versuch von Ennahda, die tunesische Gesellschaft konsequent zu islamisieren und entsprechend umzugestalten, nehmen viele als Bedrohung ihrer Identität und ihres Lebensstils wahr. Gegenüber den radikal-islamischen Gruppen wie Hizb ut-Tahrir verwendet Haythem ohne Umschweife das Attribut faschistisch. Er weiss, wovon er spricht: Nach Morddrohungen hat er Polizeischutz erhalten.

Im Gespräch fällt auch die schwerwiegende These, Tunesien sei für die Demokratie noch nicht reif, und vielleicht sei es vorderhand besser, von einem autoritären Regime als von Islamisten regiert zu werden, die der individuellen Freiheit den Garaus machen. Überreaktion eines enttäuschten Aktivisten oder realistische Diagnose?

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18. Dezember 2013

In El Kef kommt es immer wieder zu schweren Zusammenstössen zwischen salafistischen Gruppen und der Polizei und /oder mit Bürgern. Kürzlich fühlte sich, so berichtet ein Einwohner, ein Salafist durch anscheinend ablehnende Blicke eines jungen Mannes mit Rasta-Locken auf seine ganzkörperverhüllte Frau beleidigt. Er beschimpft den jungen Mann und droht ihm Rache. In der darauf folgenden Nacht schleudern Unbekannte einen Brandsatz auf das Auto des jungen Mannes, das sogleich in Flammen aufgeht. Der Polizeikommissar, der in der Folge dem Fall nachgehen muss, wird ebenfalls Opfer eines Brandanschlags.

Auf der anderen Seite greift die Polizei immer wieder sehr hart gegen Salafisten durch. So wurden acht Anhänger mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Die Polizisten gingen dabei offenbar brutal vor. Das führt zu einer Radikalisierung.

Mein langjähriger Freund M. Tlili ist schwer enttäuscht von der Revolution. “Das ist alles zu schön, um wahr zu sein!”, hatte er mir drei Tage nach Ausbruch der Aufstände am Telefon gesagt. Heute hat er sich aus der Politik zurückgezogen und lebt gemäss der Devise von Voltaire: “Cultiver son jardin”. Der Garten ist noch kahl und liegt nur wenige Dutzend Meter neben einem römischen Steinbruch. Die Feigenkakteen sind bereits gesetzt; als nächstes kommen Pfirsich- und Aprikosenbäumchen dran.

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17. Dezember 2013

Sidi Bouzid. Einzig Kinder und Jugendliche vermitteln ab und zu etwas Enthusiasmus. Ein junger Kampfsportler mit einer Inka-Mütze, wie sie viele jungen Männer heute tragen, will unbedingt mit seiner Gruppe am Festival auftreten, obwohl er nicht angemeldet ist. Kinder turnen auf der Skulptur herum, die zu Ehren des “Märtyrers” Bouazizi errichtet worden sind, johlen, setzen sich in Pose. Kinder: Natürlich nur Buben.

Keine hundert Meter davon entfernt schreit der Chef der radikal-islamischen Hizb ut-Tahrir ins Mikrofon. Schwarze und weisse Fahnen werden geschwenkt; die Umma ist wichtiger als die tunesische Nation. Der Tonfall des Predigers geht unter die Knochen. Gott verhüte, dass diese Typen je an die Macht kommen.

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25. November 2013

„On ne peut pas demander à un homme bafoué dans ses droits de choisir un candidat à une élection. C’est impensable. Nous devons d’abord traverser ce désert en nous focalisant sur les droits de l’homme. C’est là que nous produirons la démocratie et la laïcité dont nous rêvons. On n’en est pas encore là.“ Der marokkanische Schriftsteller Lotfi Akalay in „TelQuel“, 18.11.2013

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22. November 2013

Die tunesische Zeitung Achourouk meldet, es würden auch in diesem Jahr verzweifelt Pflücker für die Dattelernte gesucht, da immer weniger junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Das kommt irgendwie bekannt vor. Musste nicht vor Jahren Rumänien chinesische Gastarbeiter “importieren”, weil sich keine Arbeitskräfte mehr für die Betriebe finden liessen, die durch westeuropäische Firmen gegründet worden waren…

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13. Oktober 2013

Marrakesch. Strahlendes Herbstwetter. Der Sommer, so berichten Einheimische, war unerträglich heiss, doch jetzt ist das Wetter fantastisch.

Im Stadtzentrum flanieren am Abend tausende Menschen. Sie machen einen entspannten, fröhlichen Eindruck. Flanieren ist eine Lieblingsbeschäftigung in Marokko, gerade auch für Menschen mit einem kleinen Budget. Wie weit lässt sich aus solchen Beobachtungen etwas über den Zustand des Landes ableiten? Sind unter diesen fröhlichen Menschen vielleicht auch sehr viele innermarokkanische und arabische Touristen? Was ist mit denjenigen, die gar nicht das Geld haben, um in der Innenstadt zu flanieren oder zu konsumieren?

Klar ist: in den Aussenquartieren ist die Stimmung spürbar anders, nicht zu reden von den armen Städten wie Safi oder Oujda, wo Armut und Frustration ins Auge springen.

Sind die Marokkaner vielleicht gesamthaft gar nicht so unzufrieden mit ihre Situation, nicht zuletzt auch im Vergleich mit anderen arabischen Ländern? Oder ist es völlig falsch, aus solche Beobachtungen Folgerungen über die Befindlichkeit im Land abzuleiten?

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1. Oktober 2013

„Die vermeintliche Demokratisierung des arabischen Raums und insbesondere die jüngsten Entwicklungen in Ägypten legen die Frage nahe, was denn das eigentliche Wesen des Demokratie sei. Allein aus freien Wahlen entsteht noch längst keine Demokratie, sie sind lediglich ein kleiner, erster Schritt, und wenn ihm nicht zahlreiche weitere folgen, ist das Scheitern des Projekts Demokratisierung vorprogrammiert.“ (Martin Spinnler, Zürich, NZZ vom 30.8.2013).

Dem ist nichts beizufügen, ausser vielleicht der Hinweis, dass viele der Islamisten, die im Gefolge der arabischen Aufstände an die Macht gekommen sind, nicht gerade von demokratischem Geist durchtränkt sind. Sie scheinen vielmehr eine sehr eingeschränkte Vorstellung von Demokratie zu besitzen; Demokratie als ein Mittel, die Macht zu erobern und anschliessend das zu tun, was einem beliebt. Wahrscheinlich kennen sie kaum die Idee der Volkssouveränität. Wie anders könnte ein tunesischer Ennahda-Politiker sagen, Gott habe der Partei die Macht gegeben?

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16. September 2013

« Les régimes passent. Les abus restent. Il n’y a que les profiteurs qui changent.»

(Paul Chrétien-Audruger, zitiert nach Businessnews.tn, 15.9.2013)

Viel von dieser ernüchternden Aussage scheint auf das nachrevolutionäre Tunesien zuzutreffen. Finanz-und Wirtschaftsexperten weisen seit Wochen darauf hin, dass sich die wirtschaftliche Lage Tunesiens von Tag zu Tag verschlechtert. Doch die gewählten Politiker scheinen den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben und ergehen sich in endlosen Verhandlungen, die bis jetzt ohne greifbare Resultate geblieben sind. Ennahda klammert sich mit allen Mitteln an der Macht fest, und auch die Opposition scheint häufig in einem Freund-Feind-Denkschema verhaftet zu sein. Gleichzeitig steigt die Politikverdrossenheit Tag um Tag an – mit unabsehbaren Folgen.

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16. August 2013

“Die militärische Loesung ist blutig, eine politische Lösung jedoch in weiter Ferne”, schreibt Rainer Hermann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die aktuelle Lage in Aegypten. “Auf dem Spiel steht vor allem der Zusammenhalt der ägyptischen Gesellschaft. Aegypter waren, aller ideologischen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz, immer stolz darauf, dem selben Volk anzugehören. Die Spannungen der jüngeren Vergangenheit haben aber einen Keil in diese Gesellschaft getrieben. Die drei wichtigsten Institutionen, die in der Vergangenheit fuer den Zusammenhalt des Landes standen und sich aus der Politik herausgehalten hatten, ergriffen Partei fuer den Putsch: das Militär, die islamische Universitaet Al Azhar und die koptische Kirche. Sie waren die Klammern der Gesellschaft, niemand stellte ihre Integrität in Zweifel. Die Anhänger Mursis bestreiten nun diese Integrität und sehen die Institutionen als politische Feinde. Ägypten ist der Boden für einen Konsens weggebrochen.” (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.08.2013)

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28. Mai 2013

Die Krawalle nach der “Tanz dich frei!”-Party in Bern haben Schäden im Umfang von mehreren hunderttausend Franken verursacht. Auch der Polizeieinsatz war nicht unentgeltlich; die Steuerzahler werde dafür offenbar mit einer Million Franken zur Kasse gebeten. Solche “Happenings” führen auch bei Menschen, die sich eher als (links-)liberal empfinden, zu konservativen Bauchreaktionen. Gibt es wirklich keine rechtsstaatlich vertretbare Methode, derartigen Krawallbrüdern das Handwerk zu legen und sie für die Schäden haftbar zu machen?

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Reaktion von Muslimverbänden – etwa von islam.ch. Im Gegensatz zu manchen Politikern haben sie noch eine Ahnung davon, was es heisst, mit echten, gemeint: mit kriegsbedingten Gewaltereignissen konfrontiert zu sein: „Was uns aber sehr sehr traurig und nachdenklich stimmt ist, dass es in der reichen und ansonsten friedlichen Schweiz aus völlig nichtigem Grund zu solchen gewalttätigen Ausschreitungen wie in Bern kommen kann. Wie sollen wir dies gegenüber jenen Jugendlichen rechtfertigen, welche unfreiwillig Gewalt erleben, weil sie z.B. in einem Kriegsgebiet leben? Wir haben keine Antwort darauf…“
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5. Mai 2013

„Im Ausland merkt man kaum, dass in Marokko eine Art Krieg zwischen säkularen und islamisch-konservativen Kreisen stattfindet“, sagt mein Gesprächspartner bei einer Flasche marokkanischen Rotweins im einem Restaurant in Rabat. Er gehört zu den säkularen Kräften im Land, kämpft für individuelle Freiheiten, hält den Islam für einen Faktor, der eine wirkliche Modernisierung des Landes verhindert. Gleichzeitig liebt er sein Land und will es nicht verlassen. Er bezeichnet sich unter Freunden als Agnostiker oder gar als Atheist. Eine öffentliche Stellungsnahme in diesem Sinn hätte schwerwiegende Konsequenzen.

Dass dies nicht billiger Alarmismus ist, belegt die „Fatwa“, des Rechtsgutachten des „Rats der Ulema“, des obersten Rats der Religionssachverständigen. Ende April wurde bekannt, dass schon vor einiger Zeit eine Fatwa publiziert worden war, die für den „Abfall vom Glauben“, sprich vom Islam, die Todesstrafe vorschlägt.

Säkulare Kreise schlagen darauf hin Alarm. Es habe sich bloss um eine „Meinung“ gehandelt, lässt der Sprecher des Religionsministeriums wenige Tage später ausrichten. Der König, der den Titel „Anführer der Gläubigen“ trägt, lässt sich zur Sache nicht verlauten. Ein Kenner der Verhältnisse hält es aber für wahrscheinlich, dass Mohamed VI den Ulema einen Wink gegeben hat, die Sache nicht allzu hoch zu spielen. Klar ist: Solche Fatwas sind dem sorgfältig gepflegten Ruf des Landes als Hort eines toleranten Islam abträglich.

Was ist nun Sache? Was geschieht, wenn ein marokkanischer Bürger öffentlich seinen Atheismus dokumentiert? Gilt dann nur der Tatbestand der versuchten „Erschütterung des islamischen Glaubens“, oder vielleicht doch mehr? Oder machen vielleicht konservative Kreise Druck, um in diesen Dingen eine härtere Linie einzuschlagen? –

Der Rotwein war ausgezeichnet… Ob wohl schon bald eine Fatwa bezüglich Alkoholkonsum erlassen wird? Wohl eher nicht, so lange sich grosse Teile der Elite des Landes dem Genuss des edlen Saftes hingeben.

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12. April 2013

Gewalttätige Salafisten, Prediger, die junge Männer zum “Jihad” in Syrien aufrufen sowie Jihadisten, die am Fernsehen von ihren Erfahrungen in Syrien berichten: Dies gehört in Tunesien seit Monaten zum Alltag. Mittlerweile ist etwas klarer geworden, wie und wo die jungen Männer rekrutiert worden und wie sie nach Syrien gelangt sind, und einige Journalisten (darunter Isabelle Mandraud von Le Monde) konnten Jihad-Rückkehrer interviewen. Beunruhigend ist der Umstand, dass sich die Brigade al-Nusra, in der viele Tunesier gekämpft haben, neuerdings zur Kaida bekennt. Die Rückkehrer stellen somit ein echtes Gefahrenpotenzial dar. Zwar haben die tunesischen Behörden eine deutlich härtere Gangart eingeschaltet. Doch der Jihadist Abu Iyadh, Chef von Ansar al-Chariâ, ist immer noch flüchtig und spielt “Katz und Maus” mit der Polizei.

Der behinderte Jihadist Hamza Ben Rajeb, der im Rollstuhl in den Jihad nach Syrien gezogen ist… (Quelle: Businessnews.tn).

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4. April 2013

Demonstranten vor dem Hotel Rixos in Tripolis, aufgenommen am 23. Februar dieses Jahres. Mit einem O-Ton des Anführers der demonstrierenden “Revolutionäre” beginnt die Sendung über Libyen, die am 5. April ausgestrahlt wird. Das Thema wird noch lange aktuell bleiben; Ghadhafi-Gefolgsleute scheinen sich wieder in zahlreichen Schaltstellen der Macht installiert zu haben.

18. März 2013

Der 91-jährige Islamwissenschafter und Historiker Mohamed Talbi, einer der bedeutendsten Intellektuellen Tunesiens, darf keinen Verein gründen, der sich mit friedlichen Mitteln gegen den religiösen Extremismus einsetzt. Talbi wendet sich nun in einem offenen Brief an den Staatspräsidenten.

In diesem Zusammenhang ist Talbis Einschätzung des Ennahda-Führers Ghannouchi interessant: «On dit que cet homme a évolué, mais j’ai des doutes concernant son évolution. Il a évolué du rejet total la démocratie à l’appel à la démocratie. Je considère que cet appel n’est pas sincère, parce qu’il (Ghannouchi, Ndlr) est salafiste. Et le salafisme et la démocratie ne se rencontrent jamais.»(www.kapitalis.com).

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23. Februar 2013

«Les laïcs ont fait la révolution; ils ont fait tomber leur régime, et ceux qui ont gagné, ce sont les islamistes. Dorénavant, nous sommes très forts en Tunisie, en Égypte, en Libye et au Yémen. Et nous, les djihadistes, allons commencer à combattre tous les athées de toute sorte». Der libanesische Scheich Omar Bakri Fostock, zitiert nach der Internetzeitung Kapitalis, 23.2.2013. Diese Aussage deckt sich mit denjenigen des Rechtsanwalts O.B, den ich am 21.2.2013 in Tripolis getroffen habe. Er hatte sichtlich Angst, die Salafisten als Urheber der Anschläge auf Sufi-Schreine in Libyen namentlich zu erwähnen.

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22. Februar 2013

Für den Reisenden, der soeben von Tripolis herkommend nach Malta gelangt ist, muss La Valetta paradiesisch vorkommen. Die hervorragend erhaltene Altstadt ist eine grosse Fussgängerzone, überall gibt es stimmungsvolle Cafés, in denen Menschen sitzen. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut, und alles wirkt sauber und gepflegt. Demgegenüber ist Tripolis eine chaotische Stadt, die, abgesehen von ein paar hübschen Plätzen und Ensembles, an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist. Ghadhafi hat sich offensichtlich um das Wohlergehen seiner Bürger foutiert und konsequent auf grössenwahnsinnige Projekte gesetzt. Er hat dabei auch alle Irrtümer des 20. Jahrhunderts begangen, etwa auf eine autogerechte Stadt gesetzt. Trams und Zugverbindungen wurden aufgehoben, ein grosser Grüngürtel, den einst die italienische  Kolonialherren angelegt hatten, zerstört. Die neuen Quartiere wirken zudem wie zufällig aus dem Boden gestampft, die Architektur ist seelenlos und hässlich.

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19. Februar 2013

Die Freudenfeiern aus Anlass des zweiten Jahrestags der libyschen Revolution waren sehr beeindruckend, und der Enthusiasmus der zumeist jungen Menschen wirkte echt. Doch auch in Libyen läuft vieles schief. So wurden bis heute, so berichten glaubwürdige Gewährsleute, nicht einmal die ersten Fundamente für ein neues Rechtswesen gelegt. Dies wäre aber von grösser Bedeutung, soll in Libyen in absehbarer Zeit wirklich eine junge Demokratie entstehen. Denn die Revolutionäre werden ihre Waffen nur abgeben, wenn sie Garantien haben, dass die Verbrechen der Ghadhafi-Ära aufgeklärt und geahndet werden.

Stattdessen finden sich mittlerweile in hohen Staatsämtern bereits wieder viele ehemalige treue Diener der Ghadahfi-Diktatur. „Was zurzeit hinter der Kulissen geschieht, bleibt vollkommen im Dunklen“, sagte mir ein alter, sehr gut informierter Libyer in einem Café am Märtyerplatz. Kein Wunder: Es geht um Milliardenverträge mit westlichen und chinesischen Öl-Multis und um riesige Summen des libyschen staatlichen Investments-Fonds, die bis heute nicht lokalisiert werden konnten.

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17. Februar 2013

Eine solche Nacht hat Tripolis noch nie erlebt. Bis in den frühen Morgen hinein feierten zehntausende ausgelassener junger Menschen den zweiten Jahrestag der libyschen Revolution. Auf dem zentralen Märtyrerplatz und auf unzähligen Strassen und Plätzen von Tripolis war eine Begeisterung zu spüren, die angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage und der zahlreichen Schwierigkeiten in Libyen fast surreal anmutete. Manche der Jugendlichen trugen gefärbte Perücken, hatten ihr Gesicht geschminkt. Überall Feuerwerk und bengalische Fackeln, Hupkonzerte und schrille Töne von Plastiktrompeten, farbige Heissluftballone und Flaggen, aufheulende Motoren schwerer Motorräder. Tanzende Jugendliche vor scheppernden Lautsprecher auf den Strassen. Fähnchen schwenkende Kinder auf den Motorhauben von Autos. Junge Männer in Tarnhosen und T-Shirt, eine Kalaschnikoff umgehängt, als wäre dies das normalste Sache der Welt, wiegen sich im Takt von arabischer Pop-Musik. Überall auch Soldaten, Polizisten, Revolutionsbrigadisten in teilweise abenteuerlichen Uniformen.

Über vierzig Jahre lang feierte die libysche Bevölkerung auf Geheiss von oben. Nun feiern sie so, wie es ihnen beliebt, und fast alles scheint mit einem Mal möglich: Punk-Frisuren, Rockerkluft… Aus westlicher Sicht ist erstaunlich, dass eine derartige Festfreude ohne – oder fast ohne? – Alkohol möglich ist. Dabei bleibt Libyen auch in dieser Hinsicht ein konservatives Land: Tanzen auf der Strasse ist den Männern vorbehalten; Frauen bleiben in Grüppchen oder verfolgen das Fest aus ihren Autos.