Verrückt, was in diesen Tagen in Iran passiert. Hunderttausende gehen auf die Strasse und protestieren gegen die islamistische Mullah-Theokratie, die das Land in den Ruin getrieben und die Menschen ihrer Freiheit beraubt hat. Sie tun dies, obwohl Proteste im Iran lebensgefährlich sind. Die Situation erinnert mich an Tunesien vor exakt 15 Jahren, als im Januar 2011 die Proteste gegen Ben Ali Tag für Tag stärker wurden und das Regime diese, wie heute im Iran, wie grosser Brutalität unterdrückte und teilweise mit scharfer Munition auf Gesichtshöhe in die Demonstrationszüge schiessen liess. Am 14. Januar 2011 kam es dann zur Wende – Ben Ali flüchtete nach Saudi-Arabien – und das «Regime» kollabierte. – Die beiden Regime lassen sich natürlich nur beschränkt vergleichen; Ben Alis Tunesien war, vergleichen mit dem heutigen Iran, ein säkulares und wirtschaftlich halbwegs erfolgreiches Land. Doch auch in Tunesien wollten sich die Menschen von der autoritären Herrschaft Ben Ali und seines engsten Machtzirkels befreien. – Für das Mullah-Regime dürfte es in den kommenden Tagen und Wochen auf jeden Fall sehr eng werden, umso mehr, als Russland als Unterstützer wohl wegfällt. Einmal mehr zeigt sich das Scheitern eines radikal-islamistischen Gesellschaftsprojekts. Den Preis für dieses Experiment bezahlt aber das iranische Volk auf sehr schmerzhafte Weise. – Folgen hat dieses Scheitern auch für die «Achse des Widerstands», die nun grösstenteils kollabiert. Und wie reagieren hier im Westen die Aktivisten, die seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs unermüdlich protestiert haben? Dazu Ahmad Mansour, einer der intelligentesten Analytiker in diesem Bereich:«Menschen im Iran lehnen sich auf gegen eine der schlimmsten Diktaturen der Gegenwart. Das kann niemanden kaltlassen. Doch wo bleiben die Menschenrechtler im Westen? Wo sind die feministischen Zeltcamps auf den Universitätscampus in Berlin, New York oder Los Angeles? Wo die Demonstrationen, die Transparente und Sprechchöre, die Solidarität mit den Unterdrückten ausdrücken?Nach dem Einsatz der israelischen Streitkräfte im Gaza-Streifen konnte die vermeintlich moralische Avantgarde gar nicht laut genug sein. Demonstrationen und offene Briefe konkurrierten miteinander. Millionen frisch gebackener Völkerrechtler brüllten „Genozid“. Seit geraumer Zeit schon erklären dieselben Stimmen im Westen das Kopftuch zum feministischen Symbol. Während im Iran ein neuer Aufstand gegen den islamistischen Machtapparat beginnt, relativieren feministische und postkoloniale Milieus den Islamismus und bringen selbst das Wort kaum über die Lippen. Sie wenden den Blick ab und verweigern eben jene Empathie, die sie zu ihrem politischen Kapital zählen.» Leider ist auch die Reaktion der meisten linken Parteien sehr zurückhaltend. Dazu Daniel Rickenbacher in der heutigen NZZ: «Es ist jener aktivistische Teil der Linken, der nicht nur zur Hamas schweigt, sondern auch zu Iran. Ein Ende der islamischen Diktatur in Iran wäre darum ein schwerer Rückschlag nicht nur für den Islamismus, sondern auch für den Postkolonialismus. Die beiden Ideologien sind Brüder im Geiste.»