Integration ist „Übersetzung“

Die kluge Analyse der ursprünglich aus dem Kosovo stammenden Literaturwissenschaftlerin Kaltërina Latifi hat mich beeindruckt. Hätte sie nicht selbst migrantische Wurzeln, wäre ihr Häme, ja Verachtung gewiss. So ist es etwas schwieriger, und die heftige Ablehnung wird an den Leserinnen und Leser ausgelassen, die der Analyse zustimmen. – Der Vergleich einer gelungenen Integration mit der gelungenen Übersetzung eines Textes ist interessant. – Dass Latifi letztlich dafür plädiert, das «Eigene» auch gegenüber von Migrantinnen und Migranten zu vertreten und deutlich mehr als eine auf die Beachtung des Rechtssystems reduzierte «Integration» zu verlangen, scheint mir richtig. Denn nur so kann es letztlich zu einem fruchtbaren und bereichernden Zusammenleben kommen. Hier ein Auszug aus Latifis Kommentar:

«Es bleibt gerade in unserer auf politische Korrektheit getrimmten Zeit eine grundlegende Frage offen: Integration ja, aber in welche Richtung? Vor unbedingter Toleranz und endloser Offenheit anderen (Minderheiten-)Kulturen gegenüber scheint man plötzlich die Rollen vertauscht zu haben. Und man fragt sich: Wer integriert hier wen? Integriert sich der Ausländer in das eidgenössische Wertesystem – oder wird nicht mittlerweile vielmehr gefordert, dass die Aufnahmekultur «fremde Werte» in ihr bestehendes System eingliedert, sodass sich zuletzt die Schweizer fremden Kulturen anpassen müssen? Ein Paradebeispiel hierfür ist das derzeit viel diskutierte Kopftuch.Hierbei geht es nicht nur um den Austausch mit anderen Kulturen, der selbstverständlich unter Umständen bereichernd sein kann, sondern um eine tiefgreifende Veränderung der eigenen Schweizer Kultur: Was von ihr bleibt noch übrig?»

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