Frank Urbanioks Buch über die «Schattenseiten der Migration» polarisiert und löst heftige Diskussionen aus. Eine echte Auseinandersetzung mit seinen Aussagen zu Ausländerkriminalität und anderen problematischen Aspekten der Migration fehlt aber in den meisten Fällen. So auch im Beitrag in dem kürzlich publizierten und hier verlinkten Artikel von Daniel Winkler, einem in der Flüchtlingshilfe engagierten Pfarrer. Wer seine Ausführungen liest, fragt sich allerdings, ob der Autor das Buch überhaupt gelesen hat. Winklers Aussagen decken sich mit ähnlichen Stellungnahmen, etwa von der Schweizer Flüchtlingshilfe.Der Artikel beginnt bereits im zweiten Abschnitt mit einer Verunglimpfung: Urbaniok «missioniere durch ganz Europa» und habe es sich «zur Lebensaufgabe gemacht, bestimmte Staatsangehörige auf vermeintliche kulturelle Defizite zu reduzieren». Dies ist eine rufschädigende Unterstellung gegenüber einem Wissenschafter, der seit Jahrzehnten als forensischer Psychiater und Professor erfolgreich gearbeitet, vielfach publiziert und im letzten Jahr das erwähnte Buch publiziert hat.Die Frage stellt sich, ob Winkler wirklich verstanden hat, worum es Urbaniok geht. Dieser versucht, die Kriminalitätsquoten von Personen ohne Schweizer Pass möglichst präzise und auf der Basis solider Zahlen zu erheben. Dabei unterscheidet er selbstverständlich zwischen Menschen mit legalem Aufenthaltsstatus, Personen im Asylprozess und Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus («Kriminaltouristen», «Sans-Papiers» u.a.m.). Ebenso hat er die Altersstruktur analysiert und konnte zeigen, dass die ausgeprägten Überrepräsentationen bestimmter Nationalitäten in der Kriminalität im Vergleich zu den Inländern nicht – so wie häufig argumentiert wird – durch das Alter erklärt werden können. Denn wenn man die Kriminalitätsquote junger, straffällig gewordener ausländischer Personen mit der entsprechenden Alterskategorie junger Inländer vergleicht, bleibt bei den meisten Herkunftsländern und Deliktkategorien eine sehr hohe Überrepräsentation. Wer mehr darüber wissen will, kann sich in Urbanioks Buch auf den Seiten 77 ff. ausführlich darüber informieren («Die Gegenargumente im Faktencheck»).Diese erschreckend hohe Kriminalitätsrate und massive Überrepräsentation bei zahlreichen Nationalitäten, so fordert Urbaniok, sollte unbedingt in zukünftige Strategien für den Umgang mit Asylsuchenden und anderen Migranten aus den entsprechenden Ländern einfliessen. Er weist aber ebenso daraufhin, dass Personen aus bestimmten Ländern – etwa aus Japan oder Schweden – bei Delikten eindeutig unterrepräsentiert sind.Bei Personen aus Ländern wie Afghanistan oder Algerien, die sehr hohe Kriminalitätsraten aufweisen, erachtet Urbaniok kulturelle Prägungen wie den Umgang mit Frauen, mit Gewalt im familiären Raum u.a.m. als zentral. Nach seiner Einschätzung sind solche Prägungen auch bei der zweiten oder dritten Generation von Einwanderern noch wirksam.Über den Einfluss solcher Prägungen lässt sich diskutieren. Bei irregulären Migranten und Asylsuchenden aus dem Maghreb spielt meiner Ansicht nach ihre äusserst geringe Chance, in Europa Asyl zu erhalten, eine wichtige Rolle. Auch Traumatisierungen im Herkunftsland sowie weitere Faktoren sollten meiner Ansicht nach berücksichtigt werden. Urbaniok aber zu unterstellen, er verbreite Klischees über die Herkunftsstaaten und reduziere diese Asylsuchenden und Migranten auf ihre «kulturellen Defizite», stimmt ganz einfach nicht. Zur wirksamen Bekämpfung des Kriminalitätstourismus braucht es, wie Winkler richtig schreibt, in der Tat eine bessere überkantonale Zusammenarbeit und rasche Verfahren. Was «soziale Massnahmen, verstärkte Bildungsanstrengungen und verbesserte Integrationsangebote» gegenüber Personen bewirken können, die faktisch keine Chance auf Asyl haben oder sich illegal in der Schweiz aufhalten, ist mir schleierhaft. Solche Projekte sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Betreffenden wollen unbedingt in der Schweiz bzw. in der EU bleiben, und da dies meist nicht möglich ist, holen sie sich eben, was es zu holen gibt. Das ist zumindest die Ausgangslage gegenüber irregulären Migranten und Asylsuchenden aus dem Maghreb. Gegenüber jungen Männern aus diesen Staaten ist eine neue Migrations- und Asylpolitik deshalb dringend nötig.Ein anderer, kürzlich veröffentlichter Artikel in den TA-Medien galt ebenfalls Urbaniok. Im Zentrum des Artikels («Hunderte wegsperren für noch nicht begangene Taten: Was das System Urbaniok die Schweiz kostet») steht der Umgang mit potenziell gefährlichen Tätern und die Rolle, die Urbaniok beim Umbau des Schweizer Strafvollzugs in den letzten Jahrzehnten gespielt haben soll. Mangels Fachwissens in diesem schwierigen Bereich ist es mir nicht möglich, den fraglichen Artikel kritisch zu beurteilen. Insgesamt habe ich aber den Eindruck einer einseitigen, parteiischen Recherche und einer sehr selektiven Auswahl von Fachpersonen, die im Text zu Wort kommen. Ausser Frage steht, dass Urs Hafner, der Autor des Artikels auf den Mann spielt; viele Textstellen scheinen mir potenziell rufschädigend zu sein (Urbaniok sei eine «schillernde Person», er habe sich offensichtlich «radikalisiert»). Dies gilt ganz besonders für die gegen Schluss des Textes hergestellten Bezüge zu Urbanioks migrationspolitischen Thesen. Diese Passagen sind in ihrer extremen Verkürzung teils wahrheitswidrig, teils tendenziell verleumderisch (Zitat: «Auf dem rechten deutschen Medienportal ‘Nius’ behauptet er, die westlichen Demokratien stünden vor dem Ende, weil sie von Ausländern angegriffen würden und der Staat nichts unternehme, um die Bevölkerung zu schützen.»). Offenbar ist Urbaniok für gewisse Kreise zu einer Hassfigur geworden, die man mit allen Mitteln zu diskreditieren versucht. – Wer sich ernsthaft mit Urbanioks Thesen in Sachen Migration auseinandersetzen will, kommt nicht darum herum, die rund 250 Seiten des Buchs «Schattenseiten der Migration» selbst zu lesen. Er oder sie wird feststellen, dass Frank Urbaniok äusserst differenziert argumentiert, dass er seine Thesen mit einer Vielzahl von Quellen stützt und dass sein Buch trotzdem gut lesbar ist.